Eltern in Europa: Wer bleibt bei den Kindern?

Zu viele Väter, die die Betreuung der Kinder an die Frau abgeben, Mütter, die zu lange dem Arbeitsmarkt fernbleiben – eine ungleiche Verteilung von Rechten, Pflichten und Verantwortung: So verändert sich die Elternzeit in Europa.

Dieser Artikel ist in Zusammenarbeit mit Osservatorio Diritti geschrieben und veröffentlicht worden.

In Europa sind Haushalt und Kinder immer noch eine sehr weibliche Angelegenheit. Laut einer Untersuchung der Europäischen Kommission arbeiten Männer in Europa durchschnittlich 39 Stunden in der Woche, während es bei Frauen nur 33 Stunden sind. Gleichzeitig leisten Frauen wöchentlich 22 unbezahlte Stunden für die Betreuung der Kinder und die Hausarbeit, während Männer maximal 10 Stunden dafür aufbringen. Diese Situation wird sicherlich durch veraltete Rollenbilder gefördert, ebenso durch eine nicht mehr zeitgemäße Arbeitsmarktpolitik.

Daraus ergibt sich die Notwendigkeit eines Perspektivenwechsels, um aus dem veralteten Mann-Frau-Schema auszusteigen und mit der Philosophie der Work-Life-Balance zu beginnen, also mit der Balance zwischen Beruf und Privatleben. Eine Philosophie, die umso wichtiger wird, sobald das erste Kind in die Familie kommt.

Vaterschaftsurlaub – wie funktioniert er in Europa?

2017 hat die Europäische Kommission ihren Vorschlag für die Richtlinie zur Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben für Eltern und Betreuer vorgelegt. Sie schlägt den Mitgliedstaaten unter anderem vor, einen obligatorischen Vaterschaftsurlaub von mindestens 10 Tagen einzuführen.

Derzeit halten sich fast alle EU-Länder an diesen Vorschlag oder übertreffen ihn sogar mit einer durchschnittlichen Dauer von 11 Tagen. Zudem stechen folgende Länder hervor: Slowenien mit 30 Tagen und 90 Prozent Vergütung des ursprünglichen Gehaltes, Rumänien mit 15 Tagen und 100 Prozent (sofern der Vater einen Kinderbetreuungskurs besucht) und Bulgarien mit 15 Tagen und 90 Prozent. Die Balkanländer außerhalb der EU sind weit von den europäischen Standards entfernt: Der Vaterschaftsurlaub beträgt fast überall weniger als 7 Tage, und in einigen Fällen wird er nicht einmal vergütet. Andererseits hält sich Italien mit nur 5 Tagen für frisch gebackene Väter auch nicht an die EU-Richtlinien.

Der Mutterschaftsurlaub ist ein Zeitraum von mindestens 14 Wochen, der dazu bestimmt ist, die Mutter und das Baby vor und nach der Geburt zu schützen. Der Vaterschaftsurlaub ist viel kürzer. Er dient dazu, den Vätern die Möglichkeit zu geben, das neugeborene Kind anzunehmen und die Mutter zu unterstützen. Elternurlaub ist ein individuelles Recht, bei dem jeder Elternteil mindestens vier Monate (auch wenn nicht kontinuierlich) Zeit hat, sich um seine Kinder zu kümmern, bis sie ein bestimmtes Alter erreichen.

Die Europäische Union hat 1992 eine Richtlinie für den Mutterschaftsurlaub und 2009 eine Richtlinie für den Elternurlaub eingeführt, die auch den Vaterschaftsurlaub umfasst. Die von der Kommission 2017 vorgeschlagene Richtlinie über die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben setzt neue oder höhere Standards für die Dauer und Vergütung von Vaterschafts- und Elternurlaub.

Aus einer Umfrage von Eurofound in 23 von 28 EU-Ländern geht außerdem hervor, dass nur 10 Prozent der Väter beschließen, sich anlässlich der Geburt ihres Kindes Elternurlaub zu nehmen, wobei es ein weites Spektrum gibt: 0,02 Prozent in Griechenland bis zu 44 Prozent in Schweden. Offensichtlich ist die einfache Zusicherung dieser Möglichkeit weit von der tatsächlichen Realisierbarkeit entfernt.

Neben dem kulturellen Aspekt gibt es eine Reihe weiterer Gesichtspunkte, die diese Entscheidung beeinflussen, allen voran der wirtschaftliche Faktor. Die niedrigere Vergütung während der Elternzeit ist ausschlaggebend dafür, ob Vaterschaftsurlaub genommen wird oder nicht. Aber auch Faktoren wie mangelnde Flexibilität bei der Arbeitszeit und generell eine geringe Akzeptanz vieler Vorgesetzter tragen zu dieser Beeinflussung bei.

Wenn Mutterschaftsurlaub zum Hindernis wird

Damit Vaterschaftsurlaub ein Mittel zum Ausgleich der Pflichten wird, "braucht es noch länger und ebenso die Akzeptanz sich um die Betreuung des Kindes ohne die Mutter zu kümmern", sagte Linda Laura Sabbadini bei einer Anhörung zur Richtlinie über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Europäischen Parlament im Februar dieses Jahres.

Ein weiterer Punkt, der bei der Bewertung von Gleichstellungsmaßnahmen berücksichtigt werden sollte, ist das Verhältnis zwischen der Dauer des Elternurlaubs und der Vergütung, die der Mutter gewährt wird. Je länger der Mutterschaftsurlaub anhält, desto länger bleibt sie dem Arbeitsmarkt fern. Dies kann zu Schwierigkeiten bei der Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt führen. Mit der daraus resultierenden geringeren Vergütung wird die Mutter zugleich vom Gehalt des Mannes abhängig, wie zwei Forscher des Internationalen Währungsfonds, Ruben Atoyan und Jesmin Rahman, betonen.

Unter den Ländern des Westbalkans außerhalb der EU stechen beispielsweise Albanien, Bosnien und Herzegowina durch eine besonders lange Dauer des Mutterschaftsurlaubs von 52 Wochen hervor. Die Vergütung beträgt jedoch nur 60 bis 65 Prozent des ursprünglichen Gehalts. Anders in Bulgarien, wo Elternurlaub bis zu 58 Wochen dauert, aber zu 90 Prozent vergütet wird – das positivste Beispiel in Europa. Um die Wiedereingliederung der Mütter in den Arbeitsmarkt zu fördern, hat die bulgarische Regierung 2016 eine Maßnahme verabschiedet, die denjenigen Müttern weiter 50 Prozent des Elterngeldes garantiert, die im ersten Lebensjahr ihres Kindes wieder in den Beruf zurückkehren.

In den EU-Ländern lag die Beschäftigungsquote der Frauen 2016 noch immer 11,6 Prozent hinter der der Männer: Der wirtschaftliche Verlust durch diese Lücke wurde 2013 auf rund 370 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Laut Eurostat nimmt der Anteil der Männer mit Teilzeitbeschäftigung ab, sobald die Zahl der Kinder in der Familie zunimmt, während er bei Frauen zunimmt. Nach Angaben der Europäischen Kommission ist die Elternzeit die Ursache für die Nichterwerbstätigkeit (außerhalb des Arbeitsmarktes) von fast 20 Prozent der Frauen, während sie bei Männern weniger als 2 Prozent der Fälle ausmacht.

Elternzeit – das schwedische Modell

Eine entscheidende Rolle bei der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben spielt der Elternurlaub. Die EU orientiert sich am schwedischen Modell, bei dem den Eltern 480 Urlaubstage zustehen, von denen mindestens 60 Tage vom Vater und mindestens 60 der Mutter reserviert sind. Darüber hinaus können sich beide Elternteile in den ersten zwei Wochen nach der Geburt gemeinsam um das Kind kümmern. Damit Väter den Elternurlaub vermehrt in Anspruch nehmen, verlangen einige Länder, dass die Elternzeit auch einen "Papa-Anteil" beinhaltet – denn "es hat sich immer wieder gezeigt, dass Elternurlaub auf der Grundlage der Familie (d.h. ohne Bezug zum Vater) überwiegend von Müttern genutzt wird", wie die Wissenschaftler Peter Moss und Fred Deven behaupten.

Derzeit sehen alle EU-Länder Elternurlaub vor, aber es gibt eine große Differenzierung. So gewährt Zypern nur 18 Wochen unbezahlten Elternurlaub, während es in Deutschland bis zu drei Jahre sind, von denen nur 14 Wochen bezahlt werden. Neben Schweden weist Slowenien die besten Bedingungen für Eltern auf. Dort haben Vater und Mutter jeweils 130 Tage Elternurlaub, 90 Prozent vergütet und nur ein Teil davon übertragbar.

In Bulgarien genießen Mütter sehr gute Bedingungen während der Elternzeit, dafür sind die Bedingungen für beide Elternteile sehr nachteilig: Jedem Elternteil stehen nur 6 Monate Elternurlaub zu, ohne jegliche Vergütung. Ein positives Beispiel für die Länder des Westbalkans außerhalb der EU ist Serbien, wo 3 Monate zu 100 Prozent vergütet werden, wenn der urlaubnehmende Elternteil in den letzten 6 Monaten gearbeitet hat (jedoch trotzdem unter dem EU-Standard).

Elternurlaub – wie man ihn effektiv gestaltet

Bei einer Anhörung im Europäischen Parlament im Februar dieses Jahres sagte Tim Shand, Vizepräsident von Promundo, einer Nichtregierungsorganisation, der sich für die Gleichberechtigung der Geschlechter einsetzt und Koordinator des globalen Netzwerkes MenCare ist, dass die Möglichkeit der Elternzeit das Verhalten nicht verändern werde. Seiner Ansicht nach sollte die neue Richtlinie, um wirklich wirksam zu sein, einen "nicht übertragbaren, angemessen langen und ausreichend bezahlten Elternurlaub zwischen 70 und 100 Prozent des regulären oder gleichwertigen Gehalts" vorsehen.

Eine gerechtere Verteilung der Pflegezeit würde sicherlich zu einer größeren Gleichstellung der Geschlechter, einer stärkeren Einbeziehung von Frauen in die Arbeitswelt und damit zu einer Verringerung des geschlechtsspezifischen Lohngefälles – und somit zu mehr Empowerment führen. Dies würde nicht nur Frauen, sondern auch ihren Kindern zugutekommen. Laut Shand sind "Väter wichtig für die emotionale und intellektuelle Entwicklung von Kindern. Die Einbeziehung von Vätern kann dazu beitragen, Depressionen zu reduzieren, sowie zukünftige Entscheidungen in Bezug auf Arbeit, Liebe und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie positiv zu beeinflussen".

Giuseppe Lauricella und Lorenzo Ferrari haben zur Realisierung dieses Artikels beigetragen.

Donnerstag, 08. November 2018

Autor/en:

Laura Filios

Quelle/n:

OBC Transeuropa

Übersetzung von:

C. Meli | VoxEurop
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