Die geschlechtsspezifische Kluft bei der EU-Wahl

Frauen in ganz Europa neigen nicht dazu, bei den Europawahlen so zahlreich zu wählen wie Männer. Diese Tatsache wirft Fragen über die wachsende geschlechtsspezifische Kluft auf: Sowohl in der Politik als auch bei der Vertretung im Europäischen Parlament.

Daten, die auf der Umfrage des Europäischen Parlaments nach den Wahlen 2014 basieren, zeigen, dass Frankreich die größte Verantwortung an der Kluft zwischen den Geschlechtern trägt.

In Frankreich gingen rund 11,6 Prozent weniger Frauen als Männer zur EU-Wahl, gefolgt von Portugal (-11,3 Prozent) und Polen (-7,4 Prozent). In anderen Ländern, wie beispielsweise Schweden, war das Gegenteil der Fall, nämlich 16,6 Prozent mehr Frauen als Männer wählten, gefolgt von Malta (+8,7 Prozent) und Litauen (+7,0 Prozent).

Die Gesamtbeteiligung lag bei gut 42 Prozent. Davon entfielen im EU-Durchschnitt der 28 EU-Staaten 45 Prozent auf Männer und 40,7 Prozent auf Frauen.

Die allgemeine Kluft zwischen männlichen und weiblichen Wählern wird immer größer und hat im Vergleich zu zwei Punkten im Jahr 2009 inzwischen eine Differenz von vier Punkten erreicht. Das geht aus einer Untersuchung von TNS Opinion hervor. „Diese Umfrage spiegelt auch die Tatsache wider, dass Männer bei den EU-Wahlen aktiver werden als Frauen“, erklärt Simona Pronckute, eine Expertin des Thinktanks des European Policy Centre in Brüssel.

Sechs „Stämme“

Eine gesonderte Chatham House-Studie im Jahr 2017 identifizierte sechs politische „Stammesgruppen“ von Wählern, nach einer Umfrage von 10.000 Personen. Die „Föderalisten“ wurden als die proeuropäischsten, aber auch die kleinste der sechs Gruppen identifiziert, und bestanden hauptsächlich aus wohlhabenderen und älteren Männern. „Wenn wir uns diese wichtigen Ergebnisse ansehen, können wir feststellen, dass Bürger, welche die EU unterstützen, eher an den EU-Wahlen teilnehmen“, erklärt Pronckute. Die größte Gruppe wird als die „zögerlichen Europäer“ bezeichnet, oder diejenigen, die bei vielen Themen im Zentrum sitzen und in der Regel gleichgültig gegenüber der Politik sind.

Dagegen prognostizieren einige Experten, wie der Thinktank Carnegie Europe, bei der Wahl im Mai 2019 große Gewinne für die rechtsextremen und linken Populisten. Solche Gewinne würden wahrscheinlich das jahrzehntelange breite Bündnis großer Mainstream-Parteien kippen und ein neues Abgeordneten-Zeitalter einläuten. Frauen sind aus verschiedenen Gründen auch in der Lokalpolitik generell nicht so sichtbar – ein Thema, das im April vom Ausschuss der Regionen, einer in Brüssel ansässigen EU-Institution lokaler und regionaler Vertreter, behandelt werden soll.

Das in Vilnius ansässige Europäische Institut für Gleichstellungsfragen berichtet, dass nur 13 Prozent der gewählten Bürgermeister, 29 Prozent der Mitglieder der Regionalparlamente und -versammlungen und rund 36 Prozent der Mitglieder der Regionalregierungen Frauen sind. Die Zahlen im EU-Parlament sind ähnlich aussagekräftig. Von den 751 im Jahr 2018 aufgelisteten EU-Gesetzgebern waren nur 36,1 Prozent Frauen , was bereits einem leichten Anstieg um 0,3 Prozentpunkte mehr entsprach als in der Vorperiode.

Die Zahl der Frauen in einflussreichen Positionen im EU-Parlament hat etwas zugenommen. Es gibt nun fünf weibliche Vizepräsidentinnen, gegenüber nur drei in der vorangegangenen Amtszeit. Ferner ist die Zahl der Frauen, die den Vorsitz in einem Unterausschuss innehaben, von acht auf 12 von insgesamt 24 gestiegen. Intern scheint das Parlament bei seinem Streben nach Gleichstellung der Geschlechter proaktiver zu sein.

Anfang dieses Jahres forderten die Abgeordneten in einer Entschließung eine geschlechter-ausgewogene Zusammensetzung der Gremien des Europäischen Parlaments. Doch die eigene Wahlkampf-Strategie des Parlaments für 2019 scheint das Thema zu umgehen und zielt stattdessen darauf ab, so genannte „schwache Abstinenzler“ zu erreichen, d. h. Menschen, die über keine besonders starke Wahlbereitschaft verfügen, aber typischerweise proeuropäisch eingestellt sind.

Ein durchgesickertes Parlamentsdokument von Ende 2017 hat Jugendliche, Studenten und Menschen, die in ihrem Berufsleben einen gewissen Einfluss auf andere ausüben, wie z.B. Manager, in diese Kategorie der „schwachen Abstinenzler“ eingeordnet, in der Hoffnung, sie vom Wählen zu überzeugen. „Ihre Stimmenthaltung bei den Europawahlen ist nach wie vor hoch, so dass sie eine klare und logische Zielgruppe für die Wahlkampfarbeit darstellen“, heißt es in dem Dokument.

Das französische "Ausschalten"          

Nonna Mayer, Professorin am Pariser Sciences Po Centre of European Studies, erklärte gegenüber dem EUobserver im November, dass die großen geschlechtsspezifischen Unterschiede bei der EU-Wahl 2014 in Frankreich nicht überraschend gewesen sind. Ihrer Meinung nach neigen Frauen in Frankreich dazu, sich bei als unbedeutend empfundenen Wahlen nicht massiv zu beteiligen. Im Gegensatz dazu muss festgehalten werden, dass sie die Männer 2017 bei der französischen Präsidentschaftswahl mit drei Punkten Abstand überstimmt haben.

„Für Frauen ist deutlich erkennbar, dass es in Frankreich immer Prioritäten in Bezug auf soziale Fragen gibt, und sie im Moment antieuropäischer sind als Männer. Man hat den Eindruck, dass es Europa egal ist, dass Europa egal ist“, meint sie. Sie sagte außerdem, dass Frauen in Frankreich und im Allgemeinen über weniger politisches Wissen verfügen als Männer, dies aber auf einen „Sozialisierungseffekt“ zurückführen ist.

Mit anderen Worten neigen Männer häufiger dazu, zu sagen, dass sie etwas wissen, und zu versuchen, die richtige Antwort in einem Quiz zu erraten, während Frauen dazu neigen, solche Fragen einfach wegzulassen. „Frauen werden auch heute noch nicht dazu erzogen, Risiken einzugehen, wie Männer“, erklärt sie und fügt hinzu, dass Frauen in Bezug auf soziale Rechte und lokale politische Fragen im Allgemeinen genauso gut informiert sind wie Männer.

Solche Beobachtungen stehen auch im breiteren Kontext der „Me Too“-Bewegung, einer internationalen Kampagne, die 2016 in den Vereinigten Staaten von Amerika gegründet wurde, um Überlebenden sexueller Gewalt zu helfen. Die Bewegung trug zum Teil dazu bei, dass weibliche Demokraten bei den Halbzeitwahlen in den USA Ende 2018 massive Gewinne erzielten.

Mayer zufolge hat die Bewegung in Frankreich auch dazu beigetragen, Frauen zu mobilisieren. Allerdings hat sich seitdem auch eine gewisse „Wen interessiert's? Es wird sich nicht ändern!“-Mentalität entwickelt. „Das ist schade, denn Europa hat viel für die Rechte der Frauen getan“, meint sie.

Dienstag, 19. März 2019

Quelle/n:

EUobserver

Übersetzung von:

Julia Heinemann | VoxEurop
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