Wie abhängig sind europäische Studierende von ihren Familien?

Fast die Hälfte der europäischen Studenten ist auf ihre Familien angewiesen und mehr als ein Drittel lebt bei den Eltern. Im Süden ist dies ein besonders akutes Phänomen, aber nicht ausschließlich dort....

Foto: flöschen/Flickr

Junge Portugiesen wohnen sehr lange bei ihren Eltern. Deshalb ist Portugal eines der Länder in Europa, in denen die Schüler am meisten von ihren Familien abhängig sind, insbesondere für ein Hochschulstudium. Portugiesische Studenten kommen gerade mal für 44 Prozent der üblichen Kosten an Universitäten und Ingenieurschulen auf. Der größte Teil der Ausgaben entfällt auf die Unterkunft, insbesondere in Lissabon.

Diese Daten wurden kürzlich in einer Eurostudent-Studie  veröffentlicht, welche die sozioökonomischen Bedingungen der Studierenden in Europa analysiert. Diesem Bericht zufolge ist Portugal das vierte Land, in dem die Familien am meisten für die Hochschulbildung ihrer Kinder zahlen: 56 Prozent der Gesamtkosten.

Nur Georgien, Irland und Serbien haben einen noch höheren Anteil. Dort tragen die Eltern mehr als 64 Prozent der Kosten. In den 28 untersuchten Ländern decken die Studierenden durchschnittlich zwei Drittel ihrer monatlichen Ausgaben selbst.

Die hohe finanzielle Beteiligung der portugiesischen Familien am Hochschulstudium ihrer Kinder hängt direkt damit zusammen, dass portugiesische Studenten zu denjenigen gehören, die das Elternhaus sehr spät verlassen. Laut Eurostudent wohnen 49 Prozent der portugiesischen Studenten während ihres Bachelor- oder Masterstudiums bei ihren Eltern. Diese Zahl liegt deutlich über dem internationalen Durchschnitt von 36 Prozent.

Studierende, die bei ihren Familien wohnen, tragen am wenigsten zu ihren Bildungsausgaben bei: Sie zahlen 26 Prozent, während Studenten, die allein leben, 60 Prozent der Kosten übernehmen.

„Es ist eine Frage der Kultur“, und das muss berücksichtigt werden, um diese Daten zu verstehen, meint die Professorin Luísa Cerdeira der Universität Lissabon: „Familien in Südeuropa fühlen sich für ihre Kinder verantwortlich, bis diese ihr Studium beendet und eine Arbeit gefunden haben. Dieses Gefühl verschwindet in angelsächsischen Familien, sobald die Kinder die Volljährigkeit erreicht haben“.

Diese Realität betrifft nicht nur die Gewohnheiten der Familien, „sondern auch die staatlichen politischen Maßnahmen“, fügt sie hinzu. In den nordischen Ländern (Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland), in denen es staatliche Zuschüsse gibt, um jungen Menschen mehr Unabhängigkeit zu ermöglichen, zahlen die Familien der Studenten weniger als 20 Prozent der Kosten der Hochschulbildung ihrer Nachkommen. Das gilt übrigens auch für Österreich. Ferner zeigt dieser Bericht, dass es sich hierbei auch um die Länder handelt, in denen die Studierenden finanziell am meisten zu ihrem Studium beitragen.

Der größte Teil des Geldes, das von den Studenten oder ihren Familien ausgegeben wird, deckt die Kosten für Unterkunft und Verpflegung. Nur 13 Prozent der Gesamtausgaben stehen in direktem Zusammenhang mit der Bildung (Einschreibungsgebühr, Bücher, usw.).

Diese Daten stimmen mit den Ergebnissen einer Studie des Bildungsinstituts der Universität Lissabon überein, die von Luísa Cerdeira koordiniert und im letzten Jahr veröffentlicht wurde. Aus dieser Studie geht hervor, dass das Wohnen eine der bedeutendsten Ausgabenbereiche ist, und die größten Auswirkungen auf die Gesamtkosten hat . Die Studierenden staatlicher Hochschulen, die allein leben, geben demnach durchschnittlich 781 Euro mehr aus als ihre Altersgenossen, die weiterhin bei ihren Familien leben.

„Diejenigen, die es zur Hochschulbildung schaffen, sind weiterhin privilegiert“, erklärt der Präsident des Akademischen Verbandes von Porto, João Pedro Videira. Für ihn machen diese Zahlen deutlich, dass diejenigen, deren Familien nicht die notwendigen materiellen Voraussetzungen erfüllen, um diesen finanziellen Anstrengungen gewachsen zu sein, letzten Endes kein Hochschulstudium absolvieren.

„Es reicht nicht aus, gute Noten für ein Studium zu haben“, fügt João Rodrigues vom Akademischen Verband von Lissabon hinzu. „Die Studenten müssen eine Reihe anderer Hindernisse überwinden, um erfolgreich zu sein.“ Dies wird ganz besonders in Lissabon deutlich, wo „man nur studieren kann, wenn man zu den Privilegierten gehört“. Eurostudent bestätigt diese Analyse und fügt hinzu: Portugal ist eines der Länder, in denen die Wohnkosten zwischen der Hauptstadt und kleineren Städten am stärksten variieren.

In Lissabon geben die Studenten, die nicht bei ihren Eltern wohnen, 125 Euro mehr aus als ihre Kommilitonen, die in kleineren Städten leben. Irland, Frankreich, Italien und Polen befinden sich in einer ähnlichen Situation. Das gleiche Phänomen ist bei den Ausgaben für Nahrungsmittel zu beobachten. Lissaboner Studenten geben monatlich mindestens 52 Euro mehr aus als ihre Studienkollegen in kleineren Städten.

Universitätsstädte wie Porto, Coimbra und Braga wurden ebenfalls unter die Lupe genommen, jedoch nicht in diesen Index integriert, da sie mehr als 100.000 Einwohner haben.

Die hohen Lebenshaltungskosten in Lissabon sind auch ein Grund dafür, dass Portugal zu den Ländern gehört, in denen der Anteil der Studenten, die noch bei ihren Eltern leben, am höchsten ist. 55 Prozent der Studenten in Lissabon leben während ihrer gesamten Hochschulausbildung bei ihren Familien. Nur Kroatien und Italien, wo 73 Prozent der Schüler in Rom bei ihren Eltern wohnen, weisen einen noch höheren Prozentsatz auf. In Städten mit weniger als 100.000 Einwohnern leben nur 4 Prozent der Portugiesen bei ihren Eltern.

Eurostudent arbeitet mit dem Deutschen Zentrum für Hochschulforschung und wissenschaftliche Studien zusammen, welches ein Konsortium von sechs weiteren europäischen Forschungszentren zur Erstellung dieser Studie angeleitet hat. Sie haben 28 europäische Länder berücksichtigt, darunter die Türkei, Georgien oder Albanien, die nicht zur Europäischen Union gehören.

Der Bericht zeigt, dass neben den 49 Prozent der Studenten, die bei ihren Eltern wohnen, 24 Prozent ihre Unterkunft mit anderen Personen teilen, 13 Prozent mit einem Partner oder ihren Kindern, und 8 Prozent allein leben.

6 Prozent der portugiesischen Studenten leben in Studentenwohnheimen, d. h. im Vergleich zum internationalen Durchschnitt von 18 Prozent weit weniger. Vor zwei Monaten ergab eine Studie des portugiesischen Ministeriums für Wissenschaft und Hochschulwesen, dass die 13.971 verfügbaren Betten in portugiesischen Studentenwohnheimen nur 12 Prozent all jener Studenten eine Unterkunft garantieren, die außerhalb ihres herkömmlichen Wohnortes studieren.

Montag, 16. Juli 2018

Autor/en:

Samuel Silva

Quelle/n:

Público

Übersetzung von:

Julia Heinemann | VoxEurop
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