Impfungen: Die EU ist den grossen Pharmaherstellern ausgeliefert

Die Pharmariesen, die Covid-Impfstoffe herstellen und liefern, sind zwar offen für die Zusammenarbeit mit Dritten, weigern sich aber, Lizenzen und Gewinne zu teilen - zum Nachteil der EU-Bürger. Währenddessen beschweren sich die Mitgliedsstaaten über Versorgungsengpässe, versäumen es aber, die monopolistische Produktions- und Lieferkette in Frage zu stellen.

Das Impfstoffgeschäft bleibt in den Händen der Pharmariesen. Bei einer Videokonferenz des Europäischen Rates am 25. und 26. Februar versäumten es die 27 Staats- und Regierungschefs, eine harte Linie gegen das Monopol von „Big Pharma“ zu fahren. Die Hersteller behalten die Kontrolle über Angebot, Preise und Einnahmen.

Doch neben ihren eigenen Fabriken verlassen sich die Pharmariesen auch auf kleinere, spezialisierte Unternehmen, die in mehreren europäischen Ländern ansässig sind. Diese kleineren Firmen bekommen einen Teil der mehr als 30 Milliarden Euro, die die Steuerzahler in den Mitgliedsstaaten für die Impfstoffversorgung zahlen. Derzeit bleibt jeder einzelne Cent in diesem engen Geldkreislauf. 

Die Ankündigung, dass Sanofi Verpflichtungen zur Produktion der von Pfizer und Johnson & Johnson entwickelten Impfstoffe eigegangen ist, während man auf den Abschluss der klinischen Studien und die Zulassung des eigenen (mit GSK entwickelten) Impfstoffs durch die Europäische Arzneimittelbehörde wartet, ist nur die Spitze des Eisbergs. Unsere Untersuchung offenbart ein dichtes Netzwerk zwischen den Giganten, die Lieferverträge mit der Europäischen Kommission abgeschlossen haben, und deren Unterauftragnehmern. 

Zu den Unterzeichnern gehören neben Sanofi/GSK auch Pfizer/Biontech, Johnson & Johnson, AstraZeneca und Moderna (die beide bereits zugelassene und vermarktete Impfstoffe haben). Auch das amerikanische Unternehmen Novavax, die französische Valneva und die italienische Reithera, mit denen Brüssel bereits Verhandlungen aufgenommen hat, werden wohl demnächst auf diese Liste zu setzen sein. 

Die beiden aufeinanderfolgenden Lieferkürzungen von AstraZeneca (respektive 60 und 50 Prozent im ersten bzw. zweiten Quartal 2021), die Verzögerungen bei Pfizer sowie die verzögerten klinischen Studien von Sanofi, bergen in sich die Gefahr, dass sowohl die Impfkampagne als auch die wirtschaftliche Erholung der Mitgliedstaaten gebremst werden.

Der Text der Schlussfolgerungen des Europäischen Rates hingegen, fordert die Unternehmen lediglich dazu auf, „Vorhersehbarkeit“ zu gewährleisten und Lieferfristen einzuhalten. Es gibt keinen Vorschlag, die Unternehmen zu verpflichten, Technologien und Lizenzen zu teilen, damit Dritte selbst Impfstoffe produzieren und vertreiben können, ohne darauf zu warten, in ihre private Produktionskette aufgenommen zu werden.

Laut Nachrichten, die am Vorabend des Gipfels durchsickerten, wurde eine solche Strategie zur Bewältigung der Versorgungskrise sogar hinter den Kulissen diskutiert. Dazu könnte die EU in der Tat auf Art. 122 des EU-Vertrages zurückgreifen, der außergewöhnliche Interventionen im Falle eines Mangels an essentiellen Gütern erlaubt. Wird dieser in Anspruch genommen, fiele die Exklusivität von Patenten und neue Unternehmen könnten in das Rennen um die Produktion von Impfstoffen einsteigen. Die Marktanteile der Pharmariesen schrumpften, während die Versorgungssicherheit der Bürger erhöht würde.

Bei der Anhörung im Europäischen Parlament, die parallel zur Sitzung des Rates stattfand, sprachen sich die betroffenen Unternehmen gegen einen systematischen Wissenstransfer an Dritte außerhalb ihrer eigenen Partnerschaften aus, da sie ihn für zu kostspielig halten.

Derzeit scheinen die EU-Verantwortlichen mit den erwähnten Partnerschaften, , die regelmäßig von der Europäischen Kommission überwacht werden, zufrieden zu sein. Die betreffenden Unternehmen vergeben Unteraufträge für eine oder mehrere Produktionsschritte – die drei massgeblichen sind dabei die Herstellung, die Formulierung (Stabilisierung) des Impstoffes und die Abfüllung. Derzeit gibt es etwa fünfzig Vereinbarungen dieser Art.

Deutschland beherbergt den größten Anteil an Produktionsstätten: Europaweit mehr als 25 Prozent aller operativen Anlagen. Die meisten der deutschen Standorte arbeiten dabei für Pfizer/Biontech, das zusammen mit der gleichfalls deutschen Curevac 40 Prozent aller europäischen Werke hält (unter Berücksichtigung sowohl  eigener Standorte, als auch der von Subunternehmern betriebenen).

An zweiter Stelle, was die Anzahl der Werke innerhalb der Landesgrenzen bzw. unter Einbeziehung der grenzüberschreitenden Lieferkette angeht, stehen Frankreich und AstraZeneca. Letzteres ist in sechs Ländern tätig und kann damit nahezu als kosmopolitisch bezeichnet werden. Der anglo-schwedische Konzern und die die anderen Pharmahersteller verfügen damit über neun eigene Standorte. Hinzu kommen dreißig Unternehmen, die im Auftrag Dritter arbeiten, teilweise an den Impfstoffen mehrerer Firmen gleichzeitig. 

Mehr als die Hälfte der Zulieferbetriebe befinden sich in Deutschland, Frankreich und Belgien, wobei 80 Prozent der Unternehmen entweder deutsch, französisch, spanisch, amerikanisch oder britisch sind (letztere sind nur in Großbritannien ansässig). Der aktivste Subunternehmer ist die französische Fareva, die in drei verschiedenen Anlagen den Impfstoff von Curevac abfüllt, während sie in einer anderen den Impfstoff für Sanofi/GSK herstellt. Es folgen mit jeweils mehreren Aufträgen die gleichfalls französischen Delpharm und Recipharm, die österreichische Polymun, die deutschen Idt Biologika und Siegfried, Rentschler sowie die amerikanischen Baxter und Catalent.

Im Wettbewerb mit diesen kleineren Unternehmen baut auch GSK weitere Allianzen auf, wie das Joint Venture mit Curevac zur Produktion der neuen Impfstoffvariante des deutschen Unternehmens in seiner britischen Anlage zeigt.

Diese Recherche wird in Zusammenarbeit mit dem European Data Journalism Network (EDJNet) als Teil des Projekts "Who is cashing in on the Covid-19 pandemic" (Wer kassiert bei der Covid-19-Pandemie) mit Unterstützung der Initiative "Investigative Journalism for the EU" (Investigativjournalismus für die EU) erstellt.

 

 

"Verfügbare Übersetzungen
Freitag, 05. März 2021

Quelle/n:

VoxEurop

Übersetzung von:

C. Maier | Voxeurop
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