Balkan (und Europa) ersticken in Kohle

Die 16 Kohlekraftwerke des Westbalkans belasten die Umwelt genauso stark wie die 250 aktiven Kraftwerke der Europäischen Union. Die gesundheitlichen Folgen sind gravierend, nicht nur innerhalb der Region.

Photo: © kamilpetran/Shutterstock  

Die westlichen Balkanländer (Bosnien-Herzegowina, Serbien, Kosovo, Nordmakedonien, Montenegro und Albanien) gehören zu den meistbelasteten Ländern in Europa, was die Luftverschmutzung durch fossile Brennstoffe betrifft – auch mit schwerwiegenden Folgen für die Nachbarländer. Ein dramatisches Umweltproblem, das in einer kürzlich veröffentlichten Studie im Rahmen der Kampagne "Europe Beyond Coal " (Europa jenseits der Kohle) deutlich gemacht wurde. Die Kampagne wurde von NRO HEAL, Sandbag, Climate Action Network Europe und CEE Bankwatch Network gefördert.

Laut den Verfassern der Studie führen Kohlekraftwerke jedes Jahr zum Tod Tausender Menschen auf dem europäischen Kontinent. Im Jahr 2016 soll es zu 2013 Todesfällen in den Ländern der Europäischen Union gekommen sein und zu 1239 auf dem Westbalkan. Hinzu kommen Beschwerden wie Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Probleme bei Erwachsenen und Kindern und Gesundheitsschäden durch Schadstoffe aus der Kohleverbrennung, einschließlich Partikel, Schwefeldioxid (SO2) und Stickoxide (NO2). Dabei betont die Studie, dass die Folgen für die Gesundheit sowohl durch kurzfristige als auch durch langfristige Belastungen mit Schadstoffen verursacht werden.

Kohlekraftwerke haben nicht nur negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen, sondern auch auf die nationalen Gesundheitssysteme, stellen die Forscher fest. In der Studie wird geschätzt, dass die Folgen der Verschmutzung durch Kohlekraftwerke dem Gesundheitssystem des Westbalkans im Jahr 2016 zwischen 2 und 4 Milliarden Euro gekostet haben und den Ländern der Europäischen Union (insbesondere Kroatien und Rumänien) zwischen 3,5 und 5,8 Milliarden Euro.

Acht der zehn die Umwelt am meisten belastenden Kraftwerke Europas befinden sich auf dem Westbalkan. Im Durchschnitt belastet ein Kohlekraftwerk des Westbalkans die Umwelt mit 20-mal mehr SO2 als ein Kraftwerk der Europäischen Union. Im Jahr 2016 belasteten die 16 Kohlekraftwerke des Westbalkans die Umwelt genauso stark wie die 250 aktiven Kraftwerke der Europäischen Union. Die Daten weisen darauf hin, dass alleine die Kraftwerke Kostolac B in Serbien und Ugljevik in Bosnien-Herzegowina ein Viertel der freigesetzten Schwefeldioxide in ganz Europa produzieren. Viele Kraftwerke in der Region verfügen über keine Entschwefelungsanlagen – oder diese funktionieren nicht.

Übergang zu erneuerbarer Energie

Während viele EU-Länder bestrebt sind, die Stromerzeugung durch Kohle bis 2030 abzuschalten, herrscht in den Ländern des Westbalkans ein hohes Stromdefizit. Diese Länder sind nach wie vor auf sehr alte und umweltschädliche Anlagen angewiesen. Staatliche Unternehmen wie Elektroprivreda Srbije planen derzeit sogar den Ausbau des Kraftwerks Kostolac B. Der Auftrag wurde an CMEC (China Machinery Engineering Corporation) vergeben und wird von der EximBank in China finanziert.

Tatsächlich sind die Kosten für die Umstellung auf erneuerbare Energien im Vergleich zur Vergangenheit nicht mehr so hoch. Erforderlich sind Änderungen des Regulierungssystems und der gezielte Einsatz staatlicher Mittel. Dieser Veränderungsbedarf hat zur Bildung mehrerer Umweltgruppen (darunter die Clear Air Movement in Bosnien-Herzegowina) geführt, die sich sehr wegen der übermäßigen Luftverschmutzung sorgen. Diese Gruppen fordern von ihren Regierungen eine stärkere Beteiligung in dieser Angelegenheit. Und sie sind nicht die Einzigen: In Serbien haben viele Ärzte bereits 2015 eine Petition unterzeichnet, in der eine Verringerung der Luftverschmutzung gefordert wird, da diese Herz- und Atemwegserkrankungen verursacht.

So verfügen beispielsweise Bosnien-Herzegowina und Nordmakedonien über viele natürliche Ressourcen, die Quellen erneuerbarer Energien darstellen könnten. Laut Studie wäre es in beiden Ländern möglich, den Strom durch fossile Brennstoffe bis 2050 um 85 Prozent zu reduzieren. Dafür müssen die Leitlinien der SEERMAP (The South East Europe Electricity Roadmap), ein Projekt, das die langfristige Entwicklung erneuerbarer Energien fördert, eingehalten werden. Berücksichtigt werden dabei der Schutz der natürlichen Lebensräume, die Transparenz und die Einbeziehung der lokalen Gemeinschaften.

Trotz der Energiesicherheit, die diese Ressourcen mit sich bringen könnten, und der damit verbundenen Annäherung des Westbalkans an die Standards der Europäische Union, macht die Studie auf die Zurückhaltung der lokalen Politik aufmerksam, die den Energiewendeprozess als Bedrohung ihrer Privilegien und kurzfristigen Gewinnen ansieht.

Abschließend empfiehlt die Studie, dass die Europäische Union sich stark für den Kampf gegen Umweltverschmutzung einsetzen soll, die Innen- und Außenpolitik verschärft und die Umweltpolitik bei den Erweiterungsverhandlungen vorrangig behandelt. Von den Ländern des Westbalkans wird gefordert, dass sie die Maßnahmen der europäischen Richtlinien für Kraftwerke mit hohen Verbrennungstemperaturen ergreifen, die umweltschädlichsten Kohlekraftwerke so schnell wie möglich schließen, den im Pariser Abkommen von 2015 festgelegten Standards folgen und zu erneuerbare Energien optieren. In beiden Fällen ist es notwendig, den Interessen und Anforderungen der Bürger Rechnung zu tragen und sicherzustellen, dass alle Investitionen zur Verringerung der Umweltverschmutzung mit dem Ziel des Umweltschutzes im Allgemeinen in Einklang stehen.

Freitag, 29. März 2019

Quelle/n:

OBC Transeuropa

Übersetzung von:

C. Meli | VoxEurop

Datenquelle: HEAL

Daten veröffentlicht: 2019

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