Kunststoff-Recycling: Europa kommt voran.... aber ganz unterschiedlich schnell

In Brüssel macht die "Europäische Plastikstrategie" Fortschritte. Während einige Mitgliedstaaten bereits gute Leistungen zeigen, hinken viele andere noch hinterher.

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Die Europäer interessieren sich zunehmend für das Schicksal ihrer Plastikabfälle. Das ist eine gute Nachricht. Am Dienstag, den 10. Juli, hat der Umweltausschuss des Parlaments in Brüssel eine „Europäische Strategie für Kunststoffe in einer Kreislaufwirtschaft “ verabschiedet. Über diesen Initiativbericht wird zu Beginn des neuen Schuljahres im Plenum abgestimmt, also im Prinzip am 13. September.

Unter anderem wird die Notwendigkeit hervorgehoben, die Abfallmenge an der Quelle zu reduzieren, und zwar durch die Entwicklung eines ökologischen Designs von Gebrauchsgegenständen. Zudem wird die Entwicklung eines einheitlichen Kunststoffrecycling-Marktes befürwortet. Dieser Text folgt dem am 16. Januar von der Kommission vorgelegten Entwurf einer „Europäischen Plastikstrategie “. Am 28. Mai hatte dieselbe Kommission zudem einen Vorschlag für eine Richtlinie zum Verbot der Verwendung bestimmter Einweg-Kunststofferzeugnisse vorgelegt , darunter beispielsweise Strohhalme, Wattestäbchen oder Einwegbestecke, die größtenteils im Meer landen.

Es handelt sich in der Tat um einen Notfall. Nach Angaben der Kommission kaufen die Europäer jährlich rund 49 Millionen Tonnen Plastik in allen möglichen Formen, insbesondere in Elektro- und Elektronikgeräten (5,8 Prozent), Autos (8,9 Prozent), Baugewerbe (19,7 Prozent) und – vor allem – Verpackungen (39,9 Prozent). Und jedes Jahr werfen sie die Hälfte des konsumierten Kunststoffs weg. Im Jahr 2016 waren es 27,1 Millionen Tonnen, so die Zahlen von PlasticsEurope, dem Europäischen Verband der Kunststofferzeuger .

Das Mittelmeer: Eine wilde Müllhalde

Das sind zumindest die zahlenmäßig erfassten Mengen. Denn ein Teil des Abfalls verschwindet in illegalen Verwertungs-Branchen (Autos, Elektronikschrott....), wenn er nicht einfach in der Natur zurückgelassen wird. Eine neue WWF-Untersuchung widmet dem Mittelmeer einen alarmierenden Bericht, da sich dieses vor allem im Sommer mit dem Zustrom von Urlaubern an der Küste zu einer wilden Müllhalde für Plastikabfälle verwandelt. Laut Angaben der Umweltschutzorganisation hinterlassen die Europäer zwischen 220 und 630.000 Tonnen Abfall aller Größenordnungen im Meer, was dramatische Auswirkungen auf die Unterwasserwelt nach sich zieht.

Dennoch hat Europa in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte in der Abfallwirtschaft gemacht (siehe Grafik unten). Von den insgesamt 27,1 Millionen Tonnen Plastikabfällen, die 2016 gesammelt wurden, hat Europa 19,7 Millionen Tonnen, d. h. 72,7 Prozent in Form von Energie (durch Verbrennung) und durch Recycling verwertet. Diese Aufwertung hat sich in den letzten zehn Jahren deutlich erhöht: Im Jahr 2006 wurden 11,7 Millionen der 24,5 Millionen gesammelten Tonnen verwertet, d. h. 47,7 Prozent.

Dieser Trend hat zu einer entsprechenden Reduktion der Abfallbeseitigung geführt. Allerdings bleibt in Sachen Recycling immer noch viel zu tun: Im Jahr 2016 entfielen 31,1 Prozent der in Europa gesammelten Abfälle auf das Recycling, während 41,6 Prozent der Abfälle zur Energierückgewinnung verbrannt wurden.

In diesem Gesamtfortschritt sind sich nicht alle europäischen Länder gleich. Von 30 Staaten (mit der Schweiz und Norwegen) haben zehn eine Verwertungsquote von über 90 Prozent erreicht. Und das aus gutem Grund: Es handelt sich um Länder, die Vorschriften erlassen haben, welche die Abfalldeponien einschränken oder verbieten.

Zwar weisen die mittel- und osteuropäischen Länder die höchsten Deponie-Raten auf, jedoch sind sie nicht die einzigen, die hinterherhinken. Auch so wohlhabende Länder wie das Vereinigte Königreich, Frankreich, Italien und Spanien zeichnen sich durch Verwertungsquoten unter dem europäischen Durchschnitt aus. 

Die Leistung der verschiedenen europäischen Staaten bei der Verwertung ihrer Kunststoffabfälle muss nach ihrem jeweiligen wirtschaftlichen Gewicht beurteilt werden. Mit einer Rückgewinnungsrate von 18,7 Prozent mag Malta zwar das europäische Schlusslicht sein, jedoch handelt es sich in diesem Fall keineswegs um erhebliche Mengen. Würden das Vereinigte Königreich, Italien, Frankreich, Spanien und Polen dagegen zur Gruppe der Länder gehören, welche die Abfalldeponierung stark eingeschränkt haben, würde dies die Verwertungsquoten in Europa erhöhen. Allein diese fünf Länder machen mehr als die Hälfte der gesammelten Plastikabfälle aus.

Kunststoff ist allgegenwärtig: In allen gewöhnlichen oder außergewöhnlichen Gebrauchsgegenständen, die eines Tages als Abfall enden, beispielsweise Computergehäuse, Armaturenbretter für Autos, Spielzeug, Elektrogeräte, Fensterrahmen, Behälter und Rohre... Aber man darf nicht vergessen, dass die Hauptquelle für Plastikabfälle die Verpackung ist: 61,6 Prozent der Gesamtmenge im Jahr 2016. In erster Linie muss hier gehandelt werden: Einerseits durch die Begrenzung des Verbrauchs von Kunststoffverpackungen (insbesondere im Lebensmittelbereich und im Vertrieb); andererseits durch die Entwicklung von Recycling-Anlagen für Verpackungen.

Die Europäische Verpackungsrichtlinie (1994) fordert eine Verpackungs-Recyclingquote von 22,5 Prozent. Diese Norm, die von allen Mitgliedstaaten eingehalten wird, ist heute viel zu moderat, zumal im Jahr 2016 in Europa durchschnittlich 40,8 Prozent der gesammelten Verpackungen recycelt wurden. Vierzehn Länder überschreiten diese Schwelle, darunter sowohl Länder mit hohen Einkommen (Deutschland, Niederlande, Schweden, Belgien, Norwegen usw.) als auch Länder mit mittleren Einkommen (Tschechische Republik, Estland, Slowenien, Portugal usw.). Das ist ein Beweis dafür, dass Recycling nicht nur eine Frage des BIP, sondern auch der Organisation und des Willens ist. Umgekehrt haben einige wohlhabende europäische Länder mit 26,2 Prozent deutlich niedrigere Recyclingquoten für Verpackungen als der europäische Durchschnitt. Dazu gehört auch Frankreich, das sich mit 26,2 Prozent auf dem vorletzten Platz befindet, und viel zu tun haben wird, um sein 100-Prozent-Recycling-Ziel bis 2025 zu erreichen.

Eine große Bremse für das Kunststoff-Recycling ist der Preis für Kohlenwasserstoffe. Neben den Kosten für die Abfallsammlung ist das Recycling von Plastik ein energieintensiver Vorgang. Es wird schwierig sein, Recyclingprozesse zu entwickeln, ohne die Kostenlücke zwischen Neuware und dem Recyclingmaterial durch Umweltsteuern und Regulierungsmaßnahmen zu schließen. Es handelt sich um ein umstrittenes Thema und es bleibt abzuwarten, ob sich die „Plastikstrategie“, die Europa derzeit umzusetzen versucht, auch wirklich alles daran setzt, ihre ehrgeizigen Ziele zu erreichen.