Kroatien: Gastarbeiter gesucht

Weniger Geburten, längere durchschnittliche Lebenserwartung, Auswanderung. Diese Faktoren erhöhen den Mangel an Arbeitskräften, eine Herausforderung, vor der heute auch immer mehr osteuropäische Länder stehen.

Spalato, Arbeitnehmer (Foto von LidiaLydia/Shutterstock)

Im kalten bosnischen Winter reiste eine Delegation der kroatischen Hotelkette Jadranka Anfang Dezember nach Nordostbosnien, um in drei Städten – Tuzla, Bijeljina, Brčko – neue Arbeitskräfte für ihre Anlagen in Lussinpiccolo und Cherso anzuwerben.

Eingestellt wird für die kommende Sommersaison, aber der hohe Arbeitskräftemangel, der 2018 prägte, und die noch schlechteren Aussichten für 2019 veranlassen viele Unternehmen dazu, frühzeitig zu handeln. Angebotener Gehalt: ab 500 Euro.

Seit 2018 spricht man immer öfter über die Einstellung ausländischer Arbeitskräfte in der kroatischen Wirtschaft. Vielel Jahre lang strömten Migranten aufgrund des Beitritts zur Europäischen Union und der Wirtschaftskrise nur in eine Richtung – von Kroatien in Länder, in die es die Auswanderer schon seit Langem zieht, etwa Deutschland, oder zu neuen Destinationen wie Irland. Seit der Konjunkturerholung zeigt sich nun, wie hoch das Arbeitskräftemanko aufgrund der Abwanderung ist.

Neben der Verlängerung der 9.000 Genehmigungen für Ausländer, die bereits im Land sind, setzte die kroatische Regierung für das Jahr 2018 ein Rekordkontingent von 21.210 Arbeitskräften aus dem Nicht-EU-Raum fest, dass schließlich auf 29.769 erhöht wurde. Die wichtigsten Zielsektoren waren das Baugewerbe und der Tourismus, gefolgt von der Metallurgie, dem Schiffbau, dem Verkehr, der Lebensmittel- und Konservenindustrie, dem High-Tech-Sektor und der Landwirtschaft. Ein breites Spektrum, in dem sowohl gelernte als auch ungelernte Arbeitnehmer gesucht sind.

Heute ist der Arbeitskräftemangel in vielen osteuropäischen Ländern ein wesentliches Problem. In Ungarn erhoben sich Stimmen gegen den Beschluss der Regierung Orban, dass die Arbeitgeber angesichts des Personalmangels von ihren Arbeitnehmern bis zu 400 Überstunden pro Jahr fordern könnten. In den vier Visegrad-Staaten sind 520.000 Stellen nicht besetzt. Schuld daran sind die geringe Geburtenrate und die hohe Migration nach Westeuropa. Diese Dynamik finden wir auch in Kroatien.

Laut Iva Tomić vom Institut für Volkswirtschaft in Zagreb „haben wir einerseits demografische Prozesse – insbesondere als Folge der sinkenden Fruchtbarkeit und der längeren Lebenserwartung. Aufgrund der niedrigen Geburtenziffern treten immer weniger junge Menschen in den Arbeitsmarkt ein. Die Zahl der Erwerbstätigen sinkt also. Andererseits gibt es eine große Anzahl von Auswanderern (laut der offiziellen Statistik waren es von 2009 bis 2017 knapp 200.000), von denen viele (mehr als 47%) der Altersgruppe der 25- bis 44-Jährigen angehören. Kein Wunder also, dass uns Arbeitskräfte fehlen“. Ausländische Arbeitnehmer sollen nun aushelfen.

Arbeitskräfte importieren

In Kroatien sind seit den 1980ern Arbeitnehmer aus anderen jugoslawischen Republiken – insbesondere aus Bosnien und Herzegowina – in bestimmten Wirtschaftssektoren tätig, vor allem im Baugewerbe und im Fremdenverkehr. Trotz der gespannten Beziehungen in der Region, die eine konzertierte Politik nicht erleichtern, stammen auch heute noch die meisten ausländischen Arbeitnehmer aus anderen ehemaligen jugoslawischen Republiken, insbesondere aus Bosnien-Herzegowina und Serbien.

Iva Tomić zufolge „haben selbst diese Länder mit einem Rückgang der Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter zu kämpfen. Wenn sich Menschen für die Emigration entscheiden, dann ziehen sie ein reicheres, westeuropäisches Land vor. Es darf nicht vergessen werden, dass viele Bosnier und auch einige Serben die kroatische Staatsbürgerschaft (und damit einen kroatischen Reisepass) besitzen. Sie haben also denselben Status wie Kroaten auf dem europäischen Arbeitsmarkt“. Seitdem sich das „Reservoir“ der ehemaligen jugoslawischen Arbeitskräfte leert, die zunehmend von Personalvermittlern aus anderen Ländern abgeworben werden, zeigt sich die kroatische Wirtschaft bereit, auch ferne Länder in Erwägung zu ziehen.

Im März 2018 reiste der Minister für Arbeit und Rentensysteme Marko Pavić in die Ukraine, um Saisonarbeiter anzuwerben. Anlässlich des Besuchs wurde Kroatien als künftiges gelobtes Land für Ukrainer dargestellt. Derzeit besitzen etwas über 500 ukrainische Staatsbürger eine Arbeitsgenehmigung in Kroatien. Diese Zahl dürfte in den nächsten Jahren steigen. Derzeit sind es nur einige Dutzend, aber es gab auch indische oder ägyptische Staatsbürger, die in Kroatien Arbeit gefunden haben. Im Oktober 2018 waren jedoch noch 10.133 Stellen im Quotensystem frei. Die Löhne in Kroatien sind deutlich niedriger als in traditionellen Einwanderungsländern und daher nicht besonders attraktiv. Obwohl die Zeitungen oft über gute bezahlte Stellen im Tourismus berichten, scheint die Realität anders zu sein. Ausgenommen sind nur Fachkräfte, etwa Köche. Ungelernte verdienen immer noch deutlich weniger als 1.000 Euro pro Monat.

Große Begeisterung und viele Fragen

Zu den begeisterten Befürwortern des Imports ausländischer Arbeitskräfte zählen die kroatische Handelskammer und die Gewerkschaft der Arbeitgeber, die befürchten, dass der künftige Arbeitskräftemangel über kurz oder lang zunimmt. Schätzungen zufolge fehlen in Kroatien bereits 2019 zwischen 15.000 und 20.000 Arbeitskräfte. Der Berater der Handelskammer Davorko Vidović empfiehlt die Anwerbung von mehr Arbeitnehmern aus der Ukraine, aber auch „aus Syrien, Libanon, Jordanien und Ägypten“. Die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte wirft allerdings viele Fragen auf.

Angesichts der Anzahl der Stellen für ausländisch Arbeitskräfte ist die Arbeitslosigkeit in Kroatien mit 8,4% in der Hochsaison und 9,1% im November nach wie vor hoch, obwohl sie im Jahr 2018 abnahm. Siniša Miličić aus dem Bezirk Varaždin meinte, es bestünde heute in Kroatien kein Wille, attraktive Bedingungen und stabile Arbeitsplätze zu schaffen. Deshalb wanderten die Arbeitnehmer ab und es müssten Menschen aus anderen Ländern eingestellt werden, die bereit sind, für Niedriglöhne zu arbeiten.

Darüber hinaus besteht ein deutlicher Kontrast zwischen den Erklärungen, mehr Ausländern eine Chance geben zu wollen, und der Realität, in der die Vorurteile eher zu- als abnehmen. Der inzwischen chronisch gewordene Druck der Flüchtlinge an der kroatischen Grenze führte zu einer fremdenfeindlichen Politik und xenophoben Kampagnen in den Medien, deren Ausmaß in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Anzahl der Zuwanderer steht.

Der erklärte Wille, die Grenzen für ausländische Arbeiternehmer zu öffnen, steht im Widerspruch zu der Feindseligkeit gegenüber den Flüchtlingen, die auf der Balkanroute in das Land eingereist sind und deren Integration in den kroatischen Arbeitsmarkt eher eine Ausnahme als die Regel darstellt. Die meisten meinen, die Migranten müssten aus Osteuropa kommen, so auch Radimir Čačić der Regierungspartei HNS, der nur die Einreise christlicher Zuwanderer fördern will.

Die sogenannte „demographische Katastrophe“ war eines der bevorzugten Themen der Staatspräsidentin Kolinda Grabar Kitarović, die darauf drängte, den Trend umzukehren. Die Forderung, der zweiten und dritten Generation den Zugang zur kroatischen Staatsbürgerschaft zu erleichtern, geht ebenfalls in diese Richtung. Diese Maßnahme würde die Pflicht, Kroatisch zu sprechen und das kroatische Sozialsystem zu kennen, abschaffen. Da die Rückkehr der kroatischen Diaspora derzeit sehr unwahrscheinlich ist, dürfte die Zahl der ausländischen Arbeitskräfte im Land über kurz oder lang ansteigen.

UN-Migrationspakt

Obwohl in Kroatien kaum jemand die Notwendigkeit ausländischer Arbeitskräfte bestreitet, wird heftig über die Unterzeichnung des Globalen Pakts für sichere, geordnete und reguläre Migration gestritten. Die kroatische Rechte ist strikt dagegen und wirft dem Abkommen vor, es würde Kroatien zur Öffnung der Grenzen zwingen. Die Hetzkampagne erinnert an den Feldzug gegen die Istanbul-Konvention. Unterstützt wird die Aktion von der kroatischen Staatspräsidentin, obwohl sie noch im August dem UN-Generalsekretär António Guterres ihre Hilfe zugesichert hatte. Wahrscheinlich witterte sie die fremdenfeindliche Einstellung, die sich im Land ausbreitet, und profitierte von der Bitte des TV-Moderators Velimir Bujanec, der bei den Rechtsextremen ein offenes Ohr findet, das Abkommen nicht zu ratifizieren, um ihrer Missbilligung Ausdruck zu verleihen.

Die kroatische Mitte-rechts-Regierung, die von der abrupten Wende überrascht war, hielt ihr Versprechen und entsandte Innenminister Davor Božinović zum Gipfel nach Marrakesch. Hinter diesem Konflikt steht der Zwist zwischen den beiden Flügeln der Mitte-rechts-Partei HDZ: dem gemäßigten Flügel von Ministerpräsident Plenković und dem eher nationalistischen Flügel der Staatspräsidentin Grabar Kitarović. Božinović setzte sich in Marrakesch gegen die Fake News zu den Migrationsfragen durch und bekräftigte die Unterstützung Kroatiens für ein globales Abkommen zur Regulierung der Migration. Er versicherte den Kroaten, dass der Staat und die Polizei „die Bürger und die Gäste von Kroatien“ sehr „konsequent“ schützen würde.

Der Streit um den UN-Migrationspakt reflektiert zudem die außenpolitische Spaltung. Während sich die Rechten den Visegrad-Staaten nähern wollen und sich in erster Linie auf die Migrationspolitik stützen, sind die gemäßigteren und europafreundlichen Politiker nicht gegen die Migration, sondern befürworten die konsequente und systematische Anwendung von Gewalt zur Sicherung der Grenzen.