Immer weniger fruchtbare Böden in Europa

Der Boden erfüllt subtile und doch entscheidende Funktionen, ist jedoch zunehmend gefährdet: Neben der Erosion und der Kontamination nimmt die Bebauung in vielen Teilen Europas zu. Es ist jedoch immer noch möglich, den Flächenverbrauch zu reduzieren.

(© Bannafarsai_Stock/Shutterstock)

Der oft misshandelte Boden rückt immer wieder in den Mittelpunkt der globalen Prioritäten. Sein Schutz ist Gegenstand internationaler Kampagnen. Anlässlich des Weltbodentags am 5. Dezember konzentrierte sich die FAO erneut auf die Bodenkontamination. Nach Angaben der UN-Organisation sind weltweit 33% der Böden geschädigt.

Die „Haut der Welt“ ist nur wenige Zentimeter dick, erfüllt jedoch wesentliche Funktionen für das Leben auf der Erde. Der Boden beherbergt ein Viertel der gesamten Biodiversität der Erde. Er liefert Nährstoffe, die das Wachstum von Pflanzen ermöglichen, speichert organischen Kohlenstoff und andere Rohstoffe. Er kann Kohlendioxid einfangen, wodurch die globale Erwärmung gemindert wird, fungiert als geologischer und archäologischer Verwahrer und unterstützt die menschlichen Aktivitäten, insbesondere die Landwirtschaft.

Der von den Vereinten Nationen im Jahr 2018 veröffentlichte Global Land Outlook, der auf dem Zeitraum 1998 bis 2013 beruht, analysiert den Zustand des Bodens weltweit. Abgesehen von den Wüstengebieten sei der Studie zufolge die Produktivität von 22 Millionen Quadratkilometern Erdoberfläche gesunken und 20% der Böden erzielen nicht mehr den gleichen Ertrag wie früher.

Dieses Problem betrifft 5% des europäischen Raums sowie 10% der Böden, die besonders starkem Stress ausgesetzt sind. Insbesondere landwirtschaftliche Nutzflächen leiden unter der Degradation: 18% der Anbauflächen in Europa haben an Produktivität eingebüßt. Auf unserem Kontinent ist das Problem prozentual betrachtet am schlimmsten. Besonders die Region um das Schwarze Meer, aber auch die Mittelmeerländer sind aufgrund der intensiven Nutzung durch den Menschen und der Verstädterung stark betroffen.

Welche Gefahren bedrohen den Boden?

In seinem Bericht „Living Planet 2018“ listet der WWF die Gefahren auf, denen der Boden weltweit ausgesetzt ist: Kontamination und Verschmutzung, intensive Landwirtschaft, Erosion, Wüstenbildung und Klimawandel. Am stärksten gefährdet sind die Bereiche, in denen der Eingriff des Menschen besonders deutlich spürbar ist, etwa in Europa. Die Verfasser des Berichts stufen das Risiko für die Böden unseres Kontinents von mäßig bis hoch ein, ausgenommen sind nur kaum besiedelte Gebiete wie Nordeuropa oder die Alpen.

Auf europäischer Ebene gibt es ein Studienzentrum, das sich speziell mit dem Zustand des Bodens befasst, das European Soil Data Centre (ESDAC) der Europäischen Kommission. Dieses Gremium konzentriert sich auf die Hauptgefahren für die Gesundheit unserer Böden: Verlust von organischem Kohlenstoff, Versalzung und Kontaminierung, Erosion durch Wind und Wasser, Verdichtung, Flächenverbrauch und Bodenversiegelung.

Was die Veränderung der chemischen Zusammensetzung der Böden anbelangt, so stammen die jüngsten Daten zur Verringerung des organischen Kohlenstoffgehalts aus dem Jahr 2008. Laut der Erhebung der FAO ist dieses Problem besonders in Nord- und Osteuropa zu spüren. Die Versalzung oder die Ansammlung von Natrium- und Magnesiumsalzen verringern auch die Fruchtbarkeit. Die Schadstoffe, die durch menschliche Aktivitäten entstehen, belasten den Boden weiter und schränken seine Funktionen ein.

Das Problem Erosion

Nach Angaben der Europäischen Umweltagentur (EUA) zählt Erosion zu den Hauptfaktoren, die die vielfältigen Funktionen des Bodens unter Druck setzen. Das Phänomen kann durch Wind und Wasser verursacht werden, aber es kann sich auch durch die Bodenverdichtung verstärken, denn sie verringert die Porosität und Durchlässigkeit der Erde und hindert das Wasser daran, ungehindert zu fließen und in den Boden einzudringen.

Die EUA veröffentlicht auf ihrer Website Daten aus dem Jahr 2006, aus denen hervorgeht, dass die Wassererosion vor allem in Süd- und Osteuropa stark ausgeprägt ist. Gleichzeitig sind diese Regionen am wenigsten von der zerstörenden Wirkung des Winds betroffen.

In den letzten Jahren haben die Auswirkungen der Wassererosion jedoch fast überall in Europa abgenommen, durchschnittlich um 9% in zehn Jahren. Den von der Europäischen Union veröffentlichten Dokumenten zufolge waren die spezifischen Maßnahmen im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik und die thematischen Strategien zum Bodenschutz also erfolgreich.

Flächenverbrauch: klare Definition erforderlich

Im Hinblick auf den Flächenverbrauch sind zuerst die unterschiedlichen Definitionen zu klären. Manchmal werden Begriffe als Synonyme verwendet, sind jedoch nicht gleichbedeutend, wie Luca Montanarella, leitender Sachverständiger der Gemeinsamen Forschungsstelle (JRC) der Europäischen Kommission, erklärt.

Wir müssen zwischen verschiedenen Bodentypen unterscheiden. Der englische Begriff land take, zu Deutsch Flächenverbrauch, meint die Umwandlung von landwirtschaftlichen oder naturbelassenen Flächen in Siedlungs- und Verkehrsflächen, d.h. den Bau von Immobilien, Infrastrukturen, Straßen. Nicht alle urbanisierten Flächen sind allerdings bebaut und nur ein kleiner Teil davon ist wirklich versiegelt. Dieses besondere Problem wird auf Englisch als soil sealing (Bodenversiegelung) bezeichnet.

Nach Schätzungen der Europäischen Kommission wird in Europa jedes Jahr eine Fläche von etwa 100.000 Hektar, die der Fläche Berlins entspricht, in Anspruch genommen oder urbanisiert. Die Messung der Flächeninanspruchnahme ist jedoch nicht einfach, da es auf europäischer Ebene und manchmal sogar auf nationaler Ebene kein einheitliches Erfassungssystem gibt.

Deshalb sind die Daten schwer zu vergleichen bzw. zu aggregieren. Welche Lösungen werden also eingesetzt? Die FAO überwacht die Bodenbebauung auf der Grundlage nationaler Statistiken. Eurostat verwendet dieselben Quellen, integriert sie jedoch in eigene Forschungsstudien. Die Europäische Umweltagentur stützt sich wiederum auf Satellitenbeobachtungen und Daten, die von nationalen Agenturen für den Bodenschutz erhoben werden.

Immer größere Flächen in Europa sind versiegelt

Auf einer Skala des Schweregrads der Bedrohungen, denen die Böden ausgesetzt sind, würde die Versiegelung an der Spitze stehen, denn sie schränkt die Funktionen der betroffenen Böden ernsthaft ein. Die Europäische Union wies bereits 2006 darauf hin, dass die Versiegelung reduziert werden müsse, um die irreversiblen und schwereren Folgen des Flächenverbrauchs einzuschränken. Aus diesem Grund stellte die Europäische Kommission im Jahr 2012 in einem Dokument eine Reihe von Verfahren zusammen, mit denen die Bodenversiegelung in Europa begrenzt, gemindert und kompensiert werden soll.

Nach Ansicht der Branchenexperten hängt die Bodenversiegelung davon ab, wie Gebäude und Städte geplant werden: Die Situation könnte verbessert werden, indem beispielsweise verlassene Flächen saniert, die Grünflächen vergrößert und durchlässige Materialien für Straßen und Parkplätze verwendet werden.

Der Fortschritt der Bodenversiegelung wurde von der Europäischen Umweltagentur auf der Grundlage von Satellitenbeobachtungen und Informationen aus der europäischen Flächennutzungsdatenbank überwacht. Der größte prozentuale Anteil an versiegelten Flächen findet sich in Malta, den Benelux-Staaten und Deutschland, während dieses Problem in den nordischen Ländern (mit Ausnahme von Dänemark) und im westlichen Balkan weniger akut ist.

Zwischen 2006 und 2012 stieg der Anteil der versiegelten Flächen in fast allen europäischen Ländern, insbesondere im Mittelmeerraum. Die einzigen Ausnahmen waren Kroatien, Serbien, Montenegro und der Kosovo.

Die Verstädterung geht voran

Die Versiegelung führt zu einer fast irreversiblen Degradation der Böden, aber die Umwandlung der natürlichen Bodenbedeckung durch die menschliche Inanspruchnahme (ausgedrückt in Quadratkilometern) stellt eine Gefahr dar, die man mindern kann.

Laut Eurostat hat die Inanspruchnahme durch den Menschen in den letzten zehn Jahren in allen Ländern der Union etwas zugenommen, zwischen 2009 und 2012 insbesondere in Griechenland, Luxemburg und Belgien. Von 2012 bis 2015 kam es in diesen Ländern zu einem Stillstand, während die Bebauung in den meisten anderen Staaten zunahm.

In den Analysen des Statistischen Amts der Europäischen Union wird die zunehmende Urbanisierung mit dem Bevölkerungswachstum in Zusammenhang gebracht. Aus den europäischen Dokumenten geht jedoch hervor, dass die städtischen Gebiete schneller wachsen als die Einwohnerzahl: Von den 1950ern bis heute hat die urbanisierte Fläche in Europa um 78% zugenommen, während die Einwohnerzahl nur um 33% stieg. Die Differenz lässt sich durch andere Faktoren erklären, die die Inanspruchnahme beeinflussen, wie die wirtschaftliche Entwicklung, die Entwicklung des Lebensstils und die Zersiedelung außerhalb der Stadtgebiete.

Ist das Schicksal besiegelt?

Ist also das Schicksal der europäischen Länder besiegelt? Einen Hoffnungsschimmer bietet der Nettoflächenverbrauch, oder die Umwandlung, ausgedrückt in Hektar, von landwirtschaftlichen oder naturbelassenen Flächen in Siedlungs- und Verkehrsflächen und umgekehrt. Das europäische Ziel besteht darin, 2050 einen Netto-Null-Flächenverbrauch zu erzielen: Das Unionsprogramm sieht vor, bereits versiegelte Flächen zu bebauen, Industriegebiete zu renaturieren und der Zersiedelung ein Ende zu setzen.

Den von Eurostat gesammelten Daten zufolge ging der Nettoflächenverbrauch in den EU-Ländern zwischen 2000 und 2006 tatsächlich zurück, während sich die übrigen Phänomene schrittweise verschlechterten. Aus den Angaben der Europäischen Umweltagentur geht hervor, dass der Flächenverbrauch zumindest bis 2012 weiter zurückging, hauptsächlich infolge der geringeren Inanspruchnahme und der zunehmenden Rückgewinnung urbanisierter Flächen.

Um das europäische Ziel bis 2050 zu erreichen, darf der jährliche Flächenverbrauch nach dem Modell der Gemeinsamen Forschungsstelle 1,6 Quadratmeter pro Kopf nicht überschreiten. In dem von der Europäischen Kommission veröffentlichten Bericht „No net land take by 2050?“ werden einige bewährte Methoden vorgeschlagen, um dieses Ergebnis zu erreichen, beispielsweise landwirtschaftliche Park wie in der Umgebung von Barcelona oder kompaktere Städte wie Kopenhagen.

Dieser Artikel wurde in Zusammenarbeit mit Osservatorio Diritti veröffentlicht. Lorenzo Ferrari trug zu diesem Artikel bei.