Europa und Mikrokredite

Das ethische Finanzwesen ist kein Nischenphänomen mehr. Das gilt auch für den Mikrokredit. Allerdings verhält es sich mit diesem in Ost- und Westeuropa sehr unterschiedlich.

Eine kleine handwerkliche Tätigkeit auf dem Balkan (Foto von Ivo Danchev)

Ein Beispiel

„Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen und habe meinem Vater als Kind geholfen. Nach der Schule begann ich als Verkäufer zu arbeiten, half meinem Vater aber auch weiterhin auf dem Bauernhof. Wir hatten sechs Kühe und drei Mutterschweine. Dann heiratete ich und bekam drei Kinder. Bald darauf verlor ich meinen Job und mein Vater starb. Ich erbte seinen landwirtschaftlichen Betrieb und widmete mich diesem fortan voll und ganz. Von Mikrofin bekam ich meinen ersten Kredit, und investierte in den Bauernhof. Danach bekam ich andere Kredite, die ich immer in die landwirtschaftliche Produktion investierte. Diese stellte nach und nach ein wichtiges Einkommen für mich und meine Familie dar. Unsere beiden Töchter haben inzwischen ihren Abschluss gemacht, und unser Sohn ist auf dem Gymnasium. Ihre Ausbildung wurde mit dem Einkommen des landwirtschaftlichen Betriebes finanziert“. – Slavko, Bosnien und Herzegowina

Im Dezember 2017 veröffentlichte die Stiftung Finanza Etica einen Bericht über das ethische und nachhaltige Finanzwesen in Europa. Wie die Autoren der Studie schreiben, ist dies der erste Versuch, auf europäischer Ebene „ein Bild zu zeichnen“. Verfolgt werden zwei Ziele: Erstens soll „denjenigen, die bereits nachhaltig investieren, gezeigt werden, dass das Indianerreservat, in dem sie sich eingeschlossen glauben, in Wirklichkeit offener ist als je zuvor, sogar weiter wächst, und die Erschließung neuer Räume möglich macht.“ Zweitens soll „jenen, die noch nie davon gehört haben, erklärt werden, dass sich die ethische Finanzierung stark von der ‘raubgierigen’ Finanzierung unterscheidet. Sie macht es gleichzeitig möglich, den wirtschaftlichen Wert der eigenen Ersparnisse im Laufe der Zeit zu erhalten oder sogar zu steigern. Darüber hinaus kann dank ihr eine weitere, letzte Zeile unter dem Rechnungsabschluss geschrieben werden, zumal sie eine Reihe zusätzlicher Werte hinzuzufügt. Beispielsweise die Schonung der Umwelt, der Kampf gegen die globale Erwärmung, das Recht auf Wohnung oder auf gesunde Ernährung.“

Um nur eine Zahl aus der Studie zu nennen: Es zeigt sich, dass die Aktivitäten im Rahmen des ethischen und nachhaltigen Finanzsektors in Europa 715 Milliarden Euro ausmachen, d. h. fast fünf Prozent des gesamten Bruttoinlandsproduktes der Europäischen Union.

Der Bericht enthält auch eine thematisch tiefgehende Studie über Mikrokredite, also einen der Sektoren der ethischen Finanzierung, der interessante Daten über die Situation im erweiterten Europa enthält. Mikrokredite werden im Allgemeinen mit Ländern im Süden der Welt oder mit Ländern wie Südosteuropa in Verbindung gebracht, die schwierige Übergangsphasen durchlebt oder gar Konflikte hinter sich gebracht haben. Allerdings sind sie auch im westlichen Teil des Alten Kontinents weit verbreitet. In den Mitgliedstaaten reagiert dieses Instrument in der Tat auf noch längst nicht überwundene Probleme wie der Bankenausgrenzung.

Die umfassendsten Daten zu diesem Thema verdanken wir den regelmäßigen Überprüfungen durch das European Microfinance Network (EMN) und das Microfinance Center (MFC), den zwei Hauptnetzwerken der Mikrokreditakteure des gesamten Kontinents. Ihren Daten zufolge sind 60 Prozent der Mikrokreditakteure andere Finanzinstitutionen (außer Banken) (von denen die Hälfte in zwei Ländern tätig ist: Rumänien und dem Vereinigten Königreich). 31 Prozent sind Nichtregierungsorganisationen (NRO). Die restlichen 9 Prozent stammen von Genossenschaftsbanken, Geschäftsbanken und staatlichen Behörden. Gerade kommerzielle Kreditinstitute mit Nichtbanken führen die Gruppe der Mikrokreditorganisationen an: Sowohl in Bezug auf die Anzahl der aktiven Kunden als auch auf den Portfoliowert.

Laut dem Bericht von EMN und MFC für die Jahre 2014/2015 zählte die Stichprobe der befragten Institutionen 747 265 aktive Kunden (+13 Prozent gegenüber 2014) und das Portfolio an Brutto-Mikrokrediten erreichte 2,5 Milliarden Euro (+15 Prozent gegenüber 2014). Dabei liegt ein klarer Aufwärtstrend vor, der sich in Wirklichkeit seit mehreren Jahren ununterbrochen fortsetzt. Zwischen 2012 und 2015 betrug die Wachstumsrate 56,3 Prozent.

Den Autoren des Berichts der Stiftung Finanza Etica zufolge lässt sich anhand der Durchschnittswerte jedoch nicht erkennen, welche nationalen Unterschiede es gibt. Dabei sind gerade diese in einigen Fällen ziemlich stark ausgeprägt. In dieser Hinsicht ist der Unterschied zwischen Ost- und Westeuropa erheblich: 80 Prozent der Bruttokredite wurden in westeuropäischen Ländern gewährt. Eine erhebliche aber verständliche Lücke, wenn man die höheren Lebenshaltungskosten im Westen, und damit den höheren Mittelbedarf für die Gründung eines Unternehmens berücksichtigt. Es ist kein Zufall, dass diese Spanne deutlich abnimmt, wenn man die absolute Zahl der Kunden und Kredite betrachtet. Die Zahl der Kunden aus Westeuropa macht 64 Prozent der Gesamtzahl aus, und die Zahl der Kredite beträgt 55 Prozent.

Vergleicht man jedoch den Durchschnittswert von Mikrokrediten mit dem Bruttonationaleinkommen (BNE) pro Kopf, kehrt sich die Situation um. In diesem Fall haben die westlichen Länder ein Kreditvolumen, das deutlich unter dem BNE liegt. Ein Beispiel: In Polen und Ungarn liegt ein durchschnittliches Darlehen weit über dem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen, während es in Italien kaum 24 Prozent erreicht.

Bei den absoluten Werten bleibt der Abstand jedoch groß: In Westeuropa sind die für Unternehmensgründungen gewährten Kredite um 30 Prozent höher (9 090 Euro gegenüber 6 972 Euro). Auf der Rangliste der durchschnittlichen Mikrokredite in absoluten Zahlen liegt Moldawien mit 944 Euro auf dem letzten Platz, und Belgien mit 21 112 Euro an der Spitze.

Dienstag, 27. März 2018

Autor/en:

Davide Sighele

Quelle/n:

OBC Transeuropa

Übersetzung von:

J. Heinemann | VoxEurop
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