EU-Gesundheitskommissar: Ungleichheiten im Gesundheitsbereich sind ein wirtschaftliches Problem

Soziale und geografische Ungleichheiten im europäischen Gesundheitsbereich sind eine der größten Herausforderungen für die EU, meint Vytenis Andriukaitis

Photo: European Commission

Soziale und geografische Ungleichheiten im europäischen Gesundheitsbereich sind eine der größten Herausforderungen für die EU, meint der EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Vytenis Andriukaitis. Er fordert die Finanzminister auf, sich mit den Folgen für die Wirtschaft und die Wettbewerbsfähigkeit ihres Landes zu befassen.

Laut Gesundheitskommissar Vytenis Andriukaitis sind soziale und geografische Ungleichheiten in der Gesundheit der Europäer eine der größten Herausforderungen für die EU.

"Ungleichheiten gibt es sowohl in der EU, aber auch in jedem einzelnen Mitgliedsland", erklärte er in einem Interview mit EUobserver.

Andriukaitis, der Ende letzten Jahres den Gesundheitszustand im EU-Bericht vorlegte, betont, dass „der Zugang zu Behandlungen in einigen Teilen der Gesellschaft wegen Ungleichheiten eine Herausforderung darstellt“.

„Wir sprechen von 150 Millionen Europäern, die Schwierigkeiten haben. 30 Millionen leben in absoluter Armut“, fügt er hinzu.

„Man sollte den Zugang zu Behandlungen, insbesondere zu innovativen Behandlungen, gewährleisten“, vertritt er, und fügt hinzu, dass „finanzielle Engpässe und sehr hohe Preise für Medikamente“ dies sehr schwierig machen.

Er unterstreicht auch, dass „der Zugang zur Behandlung in einigen Regionen geringfügiger ist, weil es nicht genügend Allgemeinmediziner und Krankenschwestern gibt".

Die Lebenserwartung in der EU  reicht von 74,5 bis 83,3 Jahren, mit einem Durchschnittswert von 80,9 Jahren.

Darüber hinaus stellt der litauische Politiker und frühere Arzt das "Sozialdumping" innerhalb der EU an den Pranger, zumal dieses Ländern wie Ungarn, Rumänien oder Litauen Ärzte und Krankenschwestern entzieht.

„Für bessere Löhne und bessere Lebensbedingungen wandern sie in reichere Länder aus“, erklärt er und bemerkt, dass die Finanzkrise die Angleichung der Gehälter in den verschiedenen Mitgliedstaaten gebremst hat.

„Es ist an der Zeit, darüber zu diskutieren, wie man die Probleme im Zusammenhang mit Sozialdumping lösen kann", meint er.

Ferner fügt er hinzu, dass es auch an der Zeit sei, Vereinbarungen zwischen den Ländern zu treffen, die öffentliche Gelder für die Ausbildung von Ärzten und Krankenschwestern ausgeben, und jenen - "reicheren EU-Ländern” -, in denen dieser Nachwuchs dann arbeitet.

Allerdings schließt Andriukaitis die Schaffung eines einheitlichen EU-Sozialsystems aus.

Seiner Meinung nach ist "der Weg zur Vereinheitlichung nicht der richtige Weg“.

Unter Bezugnahme auf die existierenden Modelle, die auf unterschiedlichen historischen Traditionen basieren, wie das ‘Bismarck-Modell ' oder das ‘Beveridge-Modell' beharrt er darauf, dass die Frage, welches System besser ist, eine „absolut falsche Frage" sei.

„Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten sind in Europa sowohl die Tendenz als auch ein Trumpf. Wir können viel [voneinander], lernen. Wir können viele private Projekte und flexible Systeme anbieten", erklärt er.

In seinen Augen sind die Länderprofile, die im Bericht über den Gesundheitszustand enthalten sind, äußerst hilfreich. Die Daten können genutzt werden, „um konkrete Themen tiefgründiger zu diskutieren", ohne dass die Kommission den ein oder anderen anklagen würde.

„Beschämen und Beschuldigen ist inakzeptabel", fügt er hinzu.

Für den EU-Kommissar müsste die EU sowohl die Ausbildung, als auch Anreize für junge Berufstätige, und E-Health-Programme entwickeln, insbesondere im Bereich der medizinischen Erstversorgung. (Electronic Health: auf elektronischer Datenverarbeitung basierende Gesundheit).

„Wir brauchen Cluster, um ein Netzwerk der Netzwerke zu schaffen", meint er.

„Wenn man sich die lokalen Gemeinden und die Lage der Grundversorgung ansieht, wird klar, dass man Systeme aufbauen kann, die verschiedene Akteure zusammenführen, und die Patienten in den Mittelpunkt rücken", erläutert er.

Ferner weist er darauf hin, dass solche Initiativen "lebensfähig sein müssen", und dass sie Gespräche mit den Regierungen notwendig machen würden, um Wege zu finden, diese zu finanzieren.

Die ost- und südeuropäischen Länder geben noch immer weniger für die Gesundheit aus als die anderen.

Andriukaitis, der in der litauischen Regierung 19 Monate lang für das Gesundheitsressort zuständig war, meint, dass die EU-Gesundheitsminister seine wichtigsten Verbündeten waren, dass sie „auf Kabinettsebene aber nicht so einflussreich sind".

Seiner Meinung nach sind die Minister für Wirtschaft, Finanzen, Handel oder Landwirtschaft viel einflussreicher, ihre perspektivischen Ansichten aber oft „sehr kurzfristig".

„Meine Frage an die Wirtschafts- und Finanzminister lautet: Denken Sie ernsthaft über die Wirtschaft nach?", meint er, und führt die Kosten von Behandlungen und vorzeitigen Todesfällen an.

Der Kommissar besteht kategorisch darauf, dass die Regierungen neben der Finanzierung der Gesundheitsversorgung auch für das Wohlbefinden der Bevölkerung sorgen müssen – und sei es nur aus ökonomischer Sicht.

„Gesundheit bedeutet sowohl soziales, geistiges und körperliches Wohlbefinden von Individuen und Bevölkerungen, als auch Krankheiten, Pflege, Heilung und Zugang zu medizinischer Versorgung", erläutert er.

„Sie denken nicht an Ihre gesunden Arbeitskräfte, an den Wettbewerb, an Investitionen in Humanressourcen, an die Möglichkeit, die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben gesünder zu gestalten", betont er in Richtung der Minister.

„Schauen wir uns Ihre Zahlen der vorzeitigen Todesfälle in diesem Jahr an, insbesondere in der Altersgruppe zwischen 18 und 62 Jahren, d. h. der aktiven Erwerbsbevölkerung. Sie sind Verlierer, weil Sie einen aktiven Teil der Erwerbsbevölkerung verlieren", sagt er. "Bitte berechnen Sie das BIP."

Im Bericht über den Gesundheitszustand der EU betont der Kommissar, dass „zahlreiche sozioökonomische Gesundheits- und Risikofaktoren  viele chronische Krankheiten verursachen, und zu vorzeitigen Todesfällen führen können, insbesondere bei benachteiligten Personengruppen".

Demnach fordert er die Mitgliedstaaten auf, „umfassende und schlüssige Strategien" zur Lösung dieses Problems zu entwickeln.

Verhaltens-Risikofaktoren wie Tabak, Alkohol und Fettleibigkeit sind in den einzelnen EU-Ländern zwar sehr unterschiedlich, hängen aber auch von sozialen Determinanten ab.

„Menschen mit geringerem Einkommen verwenden weniger hochwertige Lebensmittel, sind weniger gebildet, haben schwierigere Arbeitsbedingungen, und eine sehr schlechte Work-Life-Balance", erklärt er gegenüber EUobserver.

Ferner fügt er hinzu, dass ärmere Menschen ebenfalls „unter großem Druck vonseiten der Verhaltensfaktoren" wie Rauchen und Trinken stehen, und stärker von chronischen Krankheiten betroffen sind.

„Die Tendenzen zeigen, dass der vorzeitige Tod zwischen 18 und 60 Jahren in der Gesellschaft mit niedrigem Einkommen viel höher ist", bemerkt er.

„Es gibt eine ganze Reihe von Teufelskreisen.“

Um soziale Ungleichheiten abzubauen, müssten die Behörden Andriukaitis zufolge „verschiedene Instrumente einsetzen, um den Zugang zu gesünderen Lebensmitteln zu gewährleisten, mehr Verständnis für die  Art und Weise der Lebensführung zu entwickeln, sowie den Zugang zu… Fitnessclubs zu garantieren".

Ferner besteht er darauf, dass besondere Anstrengungen für Kinder aus ärmeren Familien geleistet werden sollten.

„Um Verhaltensdeterminanten zu verändern ist nur wenig Zeit: Vom Kindergarten bis zum 13. Lebensjahr“, erklärt er und fügt hinzu: „Danach ist es sehr schwierig, Verhaltensänderungen zu korrigieren."

Der EU-Kommissar plädiert dafür, die Gesundheitspolitik „unbedingt“ in „alle Politikbereiche“ einzubinden: Von den Vorschriften für Steuern und Werbung bis hin zu Umwelt- und Work-Life-Balance-Politik.

Allerdings räumt er ein, dass seine Macht von den EU-Verträgen eingeschränkt ist.

Auf die Frage, warum die EU kein Gipfeltreffen zum Thema Gesundheit organisiert hat, wie sie es im vergangenen Jahr zu digitalen oder sozialen Themen getan hat, antwortet Andriukaitis: „Geniale Idee!“

Allerdings weist er auch darauf hin, dass die EU-Exekutive in einigen Fragen wie der Lebensmittelsicherheit zwar über „viele Befugnisse" verfügt, die Organisation der Gesundheitsdienstleistungen und der medizinischen Versorgung allerdings in die Zuständigkeit der Mitgliedstaaten fällt.

Donnerstag, 25. Januar 2018

Autor/en:

Eric Maurice

Quelle/n:

EUobserver

Übersetzung von:

Julia Heinemann | VoxEurop
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