Vorsicht vor einem Brexit ohne Abkommen!

Die Entflechtung der jahrzehntelangen Integration des Vereinigten Königreichs in die Europäische Union wird größere wirtschaftliche Störungen im Land und in der Union mit sich bringen.

Photo: Garry Knight/Flickr  (CC BY 2.0)

Zwei Monate nach seinem Amtsantritt befindet sich Boris Johnson bereits in einer komplizierten Situation. In der Nacht vom 4. auf den 5. September verabschiedeten die britischen Abgeordneten einen Text, der den Premierminister zwingt, die Europäische Union (EU) um eine weitere Verlängerung des Brexit-Datums um drei Monate zu bitten. Allerdings droht am 31. Oktober immer noch ein Austritt ohne Abkommen (oder „no deal“), der ständig von Boris Johnson heraufbeschwört wird. Dabei wird sich die britische Wirtschaft ganz offensichtlich nur schwerlich von einem solchen Schock erholen können. Zumal das Rückgängigmachen der jahrzehntelangen europäischen Integration nur auf Kosten ernsthafter wirtschaftlicher Umwälzungen erreicht werden kann. 

Die Veröffentlichung („Leak“) von Regierungsdokumenten, welche die wahrscheinlichen Folgen eines „No Deals“ aufdecken, hatte bereits am 18. August Panik ausgelöst. Laut dem Bericht „Yellowhammer“ (Name des Plans zur Vorbereitung eines Brexits ohne Abkommen, Anmerkung der Redaktion) könnten Lieferverzögerungen von mehr als zwei Tagen auftreten, was insbesondere die Lieferung von Frischprodukten und Arzneimitteln beeinträchtigen würde (88 Prozent des Obstes und 45 Prozent des Gemüses, das im Vereinigten Königreich konsumiert wird, werden importiert).

„Die Maßnahmen zur Begrenzung der Auswirkungen eines ‚No Deals‘ werden es nicht ermöglichen, den derzeitigen reibungslosen Handel aufrechtzuerhalten“, bestätigt Slavena Nazarova, Ökonomin bei Crédit Agricole. „Das Funktionieren der Lieferketten wird für einige Wochen oder Monate gestört sein, sollte sich aber mittelfristig erholen können“ meint Catherine Mathieu, Ökonomin des Zentrums für Wirtschaftsforschung OFCE.

Sind die Unternehmen bereit?

Angesichts der Unsicherheit, die seit mehreren Monaten mit den Bedingungen für die Trennung zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU verbunden ist, herrscht vorerst eine abwartende Haltung. Die Unternehmen füllen wahrscheinlich die Lagerbestände auf, wie sie es in Erwartung eines Austritts zum Stichtag des 31. März, dem ursprünglichen Brexit-Datum, getan haben. Laut dem letzten Quartalsbericht der Bank of England (BoE) stieg das Volumen der Importe Anfang 2019 im Vergleich zu Ende 2018 um elf Prozent. „So sehr, dass es fast keine Lager mehr gab“, erklärt Bruno Fernandes, Ökonom beim Kreditversicherer Coface. Diese Episode hatte zu einer hohen Volatilität der britischen Wirtschaft geführt, mit einer künstlichen Wachstumssteigerung im ersten Quartal 2019 (+0,5 Prozent), gefolgt von einem Rückgang im zweiten Quartal (-0,2 Prozent), als die Lagerbestände zu sinken begannen.

„Der Premierminister sollte nicht davon ausgehen, dass britische Unternehmen zu einem No Deal bereit sind“, warnt das Institute for Government . Der liberale Thinktank weist darauf hin, dass die nach der Ende März erfolgten Verschiebung des Ausritts erlittenen Verluste viele Unternehmen davon abhalten könnten, wieder mit den gleichen Vorbereitungen zu beginnen.

Die Branche in schlechter Position 

Die Branche befindet sich in einer besonders schlechten Position. Die Investitionen in Anlagegüter verschlechtern sich (-11 Prozent in drei Jahren) und werden zu dem chronischen Defizit an Humankapital hinzugefügt – verursacht durch die Hyperflexibilität des britischen Arbeitsmarktes (der Null-Stunden-Vertrag, engl. „Zero-Hours contract“ erlaubt es den Arbeitgebern, ihre Arbeitnehmer nur bei Bedarf arbeiten zu lassen). Laut einer aktuellen BoE-Studie ist die Produktivität in diesem Sektor seit dem Referendum 2016 um 2 bis 5 Prozent gesunken. 

"Zwar bauen die ausländischen Unternehmen in Großbritannien ihre Existenz nicht mehr aus, aber sie reduzieren sie auch noch nicht mithilfe von Entlassungen“, entschärft Bruno Fernandes. Sie beruhigt wahrscheinlich die Flexibilität des britischen Arbeitsmarktes, die ihnen im Falle eines Scheiterns einen nützlichen Hebel verspricht.

Die Haushalte brauchen ihre Ersparnisse auf

Die Beschäftigung bleibt daher vorerst dynamisch (weniger als vier Prozent Arbeitslosigkeit). Das gilt auch für den privaten Konsum, auch dank der Erhöhung des Mindestlohns und der Senkung der Einkommenssteuer (wirksam seit April letzten Jahres), stellt das französische Finanzministerium fest . Es ist jedoch unangemessen, in Jubel auszubrechen, denn diese Aufrechterhaltung ist auch das Ergebnis eines erheblichen Rückgangs der Sparquote der Haushalte, die innerhalb von zwei Jahren von zehn Prozent auf vier Prozent gesunken ist.

Die Briten, die derzeit auf ihren Notgroschen zurückgreifen, schwächen ihre Fähigkeit, die Folgen eines kommenden Austritts ohne Abkommen abzufedern. Das Ausmaß dieser Auswirkungen wird vor allem von der Art der Handelsbeziehungen abhängen, die zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU aufgebaut werden, die allein 58 Prozent der britischen Ausfuhren und 65 Prozent der Einfuhren ausmacht. 

„BoJo“ spielt politisches Armdrücken

Darüber hinaus würde die Unterzeichnung eines Freihandelsabkommens zwischen den beiden Parteien das Ausmaß des Erdbebens für die britische Wirtschaft begrenzen. Aber will Brüssel das wirklich? „Die EU hat kein wirtschaftliches Interesse daran, ein Freihandelsabkommen mit dem Vereinigten Königreich abzulehnen“, meint Catherine Mathieu. „Aber politisch befürchtet sie, dass dies andere Mitgliedstaaten ermutigen wird, sich von ihr abzuwenden.“ 

„BoJo“ hat dies gut verstanden. Deshalb versucht er, die EU für das Scheitern der Verhandlungen verantwortlich zu machen, und zögert nicht, die Ungereimtheiten der von Brüssel betriebenen Handelspolitik hervorzuheben. Wie kann man die Anbiederungen Londons ignorieren, während man sich um ein Abkommen auf der anderen Seite der Welt mit dem Mercosur bemüht? Boris Johnson vergisst jedoch, dass die Machtverhältnisse sich negativ auf das Vereinigte Königreich auswirken, welches im Falle eines ‚No Deals‘ viel mehr zu verlieren hat als jeder europäische Staat (siehe unten). 

Die unvermeidliche Erhöhung der Zölle

Selbst wenn man sich in extremis auf ein Abkommen einigen sollte, bleibt eine so starke Integration wie die heutige eine Meisterleistung. „Der Binnenmarkt schafft dreimal mehr Handelsbeziehungen zwischen den Mitgliedsländern als ein herkömmliches Handelsabkommen", erklärte der CEPII-Ökonom Vincent Vicard bereits zu Beginn der Verhandlungen . Insbesondere, weil er so genannte „nichttarifäre“ Handelshemmnisse abbaut, z.B. durch die Einführung gemeinsamer Normen und Standards, welche die Handelsbeziehungen erleichtern.

Kann man sich auf kein Abkommen einigen, würde das Vereinigte Königreich ab dem 1. November wieder den Regeln der Welthandelsorganisation folgen müssen, die gegenseitige Zölle definiert, die je nach Art der Ware unterschiedlich sind (Dienstleistungen fallen nicht unter diese Vorschriften). „Angesichts der Struktur der britischen Importe würde dies zu einem durchschnittlichen Anstieg der Zölle um vier bis fünf Prozent führen“, stellt Catherine Mathieu fest. 

Frankreich an vorderster Front

Frankreich könnte das europäische Land sein, das am stärksten vom Brexit getroffen wird. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Ökonomen des CEPII, Deniz Unal, die den Austausch zwischen den einzelnen EU-Ländern und dem Vereinigten Königreich innerhalb einer Branche analysiert hat. Mit anderen Worten: Das Ausmaß der gleichzeitigen Ströme von Produkten, die innerhalb desselben Sektors hergestellt werden, soll die Integration der Produktionsketten zwischen diesen beiden Ländern widerspiegeln; und damit die Abhängigkeit der europäischen Industrie vom reibungslosen Betrieb britischer Fabriken (und umgekehrt). Das Ergebnis: 65 Prozent des französisch-britischen Handels fallen in diese Kategorie, die meisten davon in den Bereichen Chemie, Maschinenbau und Automobil. „In Frankreich exportieren 30.000 Unternehmen nach Großbritannien und 100.000 importieren aus Großbritannien“, erklärt die französische Oberzollbehörde.

Der Anteil dieses sektor-internen Handels erreicht in vielen osteuropäischen Ländern (Slowenien, Polen usw.), in denen Fabriken gebaut wurden, um billige Arbeitskräfte zu beschäftigen, 40 Prozent. In Irland sind es beispielsweise 50 Prozent. Bei der Bestimmung des Ausmaßes der Auswirkungen auf die verschiedenen europäischen Volkswirtschaften werden jedoch auch andere Faktoren berücksichtigt. Aufgrund seiner geografischen Nähe und der Aufteilung einer Landgrenze mit dem Vereinigten Königreich läuft Irland beispielsweise im Falle eines ‚No-Deals‘ viele Gefahren.

Landwirtschaft, Automobilindustrie und Chemie sind am stärksten gefährdet 

Allerdings sind einige Sektoren durch die Welthandelsorganisations-Regeln viel besser geschützt als andere. Demzufolge wäre „der Agrarsektor viel stärker betroffen: Für Getreide oder Fleisch könnten die Zölle 50 Prozent erreichen“, fügt sie hinzu. Da 30 Prozent des britischen Lebensmittelverbrauchs importiert werden, würde es für die am stärksten gefährdeten Haushalte schwierig werden, die Preisanstiege zu verkraften. Zumal ein Bericht des British Institute for Fiscal Studies  darauf hingewiesen hat, dass diese im Vergleich zu wohlhabenderen Haushalten einen relativ größeren Teil ihres Budgets für Nahrungsmittel ausgeben.

Auch die Industriezweige, die am stärksten in die europäischen Wertschöpfungsketten integriert sind – d.h. deren Produktionsketten über mehrere Länder verteilt sind – werden voll betroffen sein. Eine der am meisten betroffenen Branchen ist der Automobilsektor: Weiß Boris Johnson zum Beispiel, dass der Motor des legendären Mini Cooper während seines Produktionsprozesses dreimal den Kanal überquert? 

Auch die chemische Industrie ist anfällig. Und da ihre Bestandteile in Tausenden von Endprodukten verwendet werden, „werden sich die negativen Auswirkungen, die durch eine Unterbrechung ihrer Lieferketten hervorgerufen würden, durch einen Kaskadeneffekt auf andere Industriesektoren ausbreiten“, warnt der Verband der Europäischen chemischen Industrie . Dasselbe gilt für den Luftfahrtsektor, wo im Falle eines Austritts ohne Abkommen der Rückzug von Airbus  droht, der die Flügel seiner Flugzeuge in Wales herstellt. Nach den neuesten Schätzungen der Vereinten Nationen  würde ein ‚No Deal‘ bestenfalls (d.h. ohne Berücksichtigung der Auswirkungen nichttarifärer Handelshemmnisse) zu einem Exportverlust des Vereinigten Königreichs in die EU von 16 Milliarden USD, d. h. sieben Prozent des in die Region ausgeführten Betrags führen.

Der Schock würde sich auch auf den Dienstleistungssektor ausweiten

Neben dem Warenhandel dürfte der Brexit auch den Dienstleistungssektor in Mitleidenschaft ziehen, der drei Viertel der britischen Wirtschaft ausmacht. Die City ist natürlich die erste, die zittert: Ohne ganz zu Grunde zu gehen, dürfte ihr Einfluss zugunsten der Märkte in Paris, Frankfurt oder Dublin  nachlassen.

Allerdings sind in Wirklichkeit noch zwei ganz andere Sektoren gefährdet: Einerseits Unternehmensdienstleistungen (Buchhaltung, Logistik, Werbung, Forschung und Entwicklung, geistiges Eigentum usw.), die in den letzten Jahren weitgehend ausgelagert wurden, und unter den Blockaden der Geschäfte ihrer Kunden leiden könnten. Andererseits der Sektor der Dienstleistungen für Haushalte und Privatpersonen, der mit voller Wucht von dem Rückgang der Kaufkraft getroffen würde.

 Die Grenze zwischen den Dienstleistungen und der übrigen Wirtschaft ist in der Tat recht durchlässig. Für den Fall eines ‚No Deal‘ wird sich der direkte Schock, der für die Industrie erwartet wird, folglich rasch auf den Dienstleistungssektor ausweiten. Dieser Branche, die auf nationaler Ebene weniger gut organisiert ist als die Finanzlobby, fällt es nach wie vor schwer, ihren Forderungen Gehör zu verschaffen.

2,5 Millionen Arbeitsplätze sind bedroht

Daraus folgt: „Mehr als 2,5 Millionen Arbeitsplätze sind gefährdet, wenn es keinen Deal gibt“, warnte eine für alle Branchen Anfang 2018 durchgeführte Studie  der Ökonomen Raquel Ortega-Argilés und Philip McCann. Ironie des Schicksals: Paradoxerweise sind die am stärksten gefährdeten Regionen und Bevölkerungsgruppen... jene, die 2016 für den Brexit gestimmt haben.

Die Erhöhung der Handelszölle im Falle einer Rückkehr zu den Regeln der Welthandelsorganisation könnte – in Kombination mit der Abwertung des britischen Pfunds – die Inflation verstärken und die Unternehmenskosten erheblich erhöhen. Letztere könnten dann versucht sein, einerseits ihre Lohnkosten zu senken und andererseits ihren Preis zu erhöhen, was die Kaufkraft der Briten weiter verringern würde. „Die Bank of England würde dann ein schwieriges Dilemma lösen und sich dafür entscheiden müssen, entweder ihren Leitzins (jetzt 0,75 Prozent) anzuheben, um die Inflation in den Griff zu bekommen, oder ihn zu senken, um die Wirtschaft kurzfristig zu beleben“, erklärt Slavena Nazarova von Crédit Agricole.

Vervielfachung der Zahl der bilateralen Abkommen: Eine wirksame Lösung? 

Um die Folgen zu lindern, könnte London versucht sein, die Zahl der bilateralen Abkommen zu erhöhen, durch die man sich möglicherweise von den Regeln der Welthandelsorganisation befreien könnte. Auf diese Weise würde es möglich, die heutigen Vorteile als EU-Mitglied für die Handelsbeziehungen mit Ländern wie der Türkei, Kanada und Südafrika aufrechtzuerhalten. Ferner könnten auch engere Beziehungen zu den amerikanischen oder chinesischen Riesen hergestellt werden.

Im Falle des Brexit würde London jedoch seine Rolle als Ausfuhrplattform in die EU verlieren und viel weniger Trümpfe in den Händen halten, um seine Partner zu überzeugen. Zumal Transaktionskosten im Zusammenhang mit der geografischen Entfernung, unterschiedlichen Verbrauchergewohnheiten oder der einfachen Tatsache, nicht die gleiche Zeitzone zu teilen, alles Hindernisse sind, die „reduziert, aber nie ganz überwunden werden können“, erklärt ein britischer Think Tank. Mit anderen Worten: Die Annäherung an andere Handelspartner wird den Verlust des europäischen Marktes niemals ausgleichen können, insbesondere im derzeitigen Kontext einer schleppenden Weltwirtschaft und rückläufiger Handelsbeziehungen. „Im Falle einer Vereinbarung mit Donald Trump droht dem Vereinigten Königreich eine Abwertung seiner Hygienestandards, insbesondere im Lebensmittelsektor, was sich nachteilig auswirken würde“, fügt Bruno Fernandes hinzu.

Die britische Industrie, die bereits von Margaret Thatcher gebeutelt wurde, würde eine plötzliche Öffnung für den Welthandel und den Ansturm viel wettbewerbsfähigerer internationaler Konkurrenten wahrscheinlich nicht überleben. Aber selbst wenn man nicht bis zum extremsten Szenario geht, in dem das Vereinigte Königreich Null-Zollsätze festlegt, um den Schock seines Austritts aus der EU abzumildern – die Welthandelsorganisation erlaubt das unter der Bedingung, dass dies ohne Diskriminierung für die ganze Welt gilt –, läuft der Wunsch der britischen Konservativen, wieder ein von den Fesseln der EU befreites „Global Britain“ aufzubauen, darauf hinaus, sich selbst ins eigene Fleisch schneiden.

Montag, 07. Oktober 2019

Autor/en:

Aude Martin

Übersetzung von:

Julia Heinemann | VoxEurop
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