Kraftstoffe: Warum Frankreich in Flammen steht

Mehrere französische Verbraucherverbände haben für den 17. November mehrere Demonstrationen organisiert, um gegen den jüngsten Anstieg der Benzinpreise an Tankstellen zu protestieren. Allerdings zahlen die Franzosen im europäischen Vergleich bei weitem nicht am meisten für ihren Treibstoff.

Foto: PXhere

Nach dem Aufruf zur Demonstration gegen den Anstieg der Kraftstoffpreise wird Frankreich am 17. November aller Wahrscheinlichkeit nach völlig blockiert sein. Dabei geht dieser Aufruf weder von einer anerkannten sozialen noch politischen Kraft aus. Warum mobilisiert dieses Thema die Franzosen so viel stärker als ihre europäischen Nachbarn, obwohl diese auch an den Folgen des Ölpreis-Anstiegs seit 2017 leiden? Hier die Erklärungsansätze in 10 Punkten.

1)    Schaut man sich den Preis von Super 95 an der Tankstelle an, ist Frankreich nur das achte Land in Europa, d. h. genau im Durchschnitt der Eurozone. Zwischen den westeuropäischen Ländern gibt es in dieser Hinsicht nur minimale Unterschiede.

2) Beim Diesel-Kraftstoff hingegen liegt Frankreich in der Rangliste höher und deutlich über dem Durchschnitt der Eurozone.

3)    Frankreich gehört zu den europäischen Ländern, die Super 95 am meisten besteuern. Das gilt auch für die nordischen Länder, die eine sehr viele Anreize schaffende Politik in Bezug auf Nicht-Kohlenstoff-Energie verfolgen, sowie die südeuropäischen Länder, die schon immer Steuersysteme hatten, die hauptsächlich auf Verbrauchssteuern aufbauen.

Die Tatsache, dass Frankreich in dieser Rangliste höher steht als in der Rangliste der Tankstellenpreise, deutet tendenziell darauf hin, dass die französischen Händler sich nicht übermäßig „die Taschen füllen“: Die nicht-besteuerten Kraftstoffpreise sind in Frankreich im Vergleich zu seinen Nachbarn eher niedrig.

4)    Diese führende Position bei der Kraftstoffbesteuerung erweist sich bei Diesel noch ausgeprägter, zumal zahlreiche Länder noch immer deutlich niedrigere Steuern auf Diesel haben als auf Benzin. In Frankreich ist dies fast gar nicht mehr der Fall.

5) Diese über dem europäischen Durchschnitt liegende Kraftstoffbesteuerung ist das Ergebnis einer deutlichen Erhöhung, die seit 2015 doppelt so hoch war wie der Durchschnitt für Super 95, sowie der Verabschiedung des von Ségolène Royal geförderten Energiewende-Gesetzes. Im Gegensatz dazu sind die in Euro ausgedrückten Steuern für Super im Vereinigten Königreich deutlich gesunken.

6) Aber vor allem bei der Dieselsteuer ist der Anstieg in Frankreich in den letzten drei Jahren spektakulär gewesen, auch wenn der Dieselpreis-Anstieg in der gesamten Eurozone im Durchschnitt doppelt so hoch war wie der des Benzinpreises. Nur die Belgier haben die Steuern auf Diesel noch stärker erhöht als die Franzosen.

7) Diese ganz erhebliche Erhöhung der Dieselsteuern und damit der Preise, die bereits durch den Anstieg der Ölpreise in die Höhe getrieben wurden, erfolgt zu einem Zeitpunkt, zu dem der französische Fahrzeugbestand noch immer und bei weitem der am stärksten „dieselisierte“ in Europa ist. Der Grund hierfür ist die staatliche Politik, die in den letzten Jahrzehnten viele diesbezügliche Anreize geschaffen, und das von den französischen Herstellern in diesem Bereich erworbene Know-how gefördert hat.

8) Trotzdem gehört Frankreich nicht zu den am stärksten motorisierten Ländern Europas: Gemessen an der Bevölkerung gibt es deutlich weniger Privatfahrzeuge als in Italien, Deutschland, Polen oder Belgien.

9) Andererseits gehören die Franzosen trotz ihres geringen Motorisierungsgrades zu den Europäern, die ihr Auto am meisten benutzen. Mit anderen Worten: Diejenigen, die ein Auto besitzen  – auch wenn sie relativ wenige sind –, fahren im Durchschnitt deutlich mehr Kilometer als die meisten ihrer europäischen Nachbarn.

10) Dieses scheinbare Paradoxon zwischen einem niedrigen Motorisierungsgrad und einer intensiven Nutzung der Personenkraftwagen erklärt sich insbesondere durch eine sehr hohe Zersiedelung: Was den bebauten Boden betrifft, so nimmt jeder Franzose 1,9 mal mehr Platz am Boden ein als ein Brite, 1,7 mal mehr Platz als ein Niederländer, 1,4 mal mehr als ein Deutscher und 1,3 mal mehr als ein Italiener.

Infolgedessen sind viele Franzosen gezwungen, ihre Fahrzeuge täglich für den Pendelverkehr zwischen Arbeitsplatz und Wohnort, oder den Zugang zu Einkaufszentren zu nutzen.

Freitag, 16. November 2018

Autor/en:

Guillaume Duval

Übersetzung von:

Julia Heinemann | VoxEurop
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