Geschlecht und städtischer Raum: Frauen geraten in Vergessenheit

Die Art und Weise, wie man sich den öffentlichen Raum in Städten vor Augen führt, ist ein wichtiger Teil des Prozesses, der kollektive Erinnerungen und die Vorstellung einer (anderen) Zukunft schafft. Erforscht man die Namen der kroatischen Städte gibt es fast keine Spur von Frauen. In 55 von 64 Städten, die wir analysiert haben, liegt der Anteil der nach Frauen benannten Straßen unter 5 Prozent.

Foto: h-alter.org

Wie man sich den öffentlichen Stadtraum vorstellt, beeinflusst das Entstehen des kollektiven Gedächtnisses, aber auch die Fähigkeit, sich eine (andere) Zukunft auszumalen. Die Ortsnamenforschung (Toponymie) der kroatischen Städte zeigt, dass Frauen fast keine Spuren hinterlassen haben. Von 64 Städten, die in die Analyse von H-Alter einbezogen wurden, liegt der Prozentsatz der nach Frauen benannten Straßen nur in 9 Fällen bei 5 Prozent oder mehr. In fast der Hälfte der untersuchten Städte – darunter einige der größten Städte des Landes –, wurden weniger als 2 Prozent der Straßen nach Frauen benannt. In 11 Städten gibt es keine einzige Straße, die nach Frauen benannt ist.

Europa – kein Platz für Frauen im städtischen Gedächtnis

Diese beschämende Praxis kennzeichnet nicht nur in Kroatien. Verlässt man sich auf die Straßennamen in europäischen Städten wird deutlich: Geschichte ist das Eigentum der Männer. Wenn die Identität der Städte „männlich“ ist, wo gibt es dann einen Ort für Frauen (und wann wird die Zeit dafür kommen)?

Die Städte in Kroatien und in ganz Europa spiegeln noch immer das patriarchalische System wider, das auf der Idee beruht, dass die Frauen ihren Platz zuhause haben, und dass ihre Hauptaufgabe die Erziehung ist, bzw. die des Mutterseins.

Im August 2018 protestierten Tausende von Frauen in Paris um anzuprangern, dass nur 2,6 Prozent der Straßen der französischen Hauptstadt nach Frauen benannt sind. Mehr als die Hälfte der 166 Frauen, die in Paris nach ihnen benannt sind, wurden nur deshalb mit einem Straßennamen „geehrt“, weil sie Ehefrauen oder Töchter berühmter Männer waren. Aus diesem Grund hat sich die französische feministische Gruppe Osez le Féminism! entschlossen, Maßnahmen zu ergreifen und eine Liste französischer Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen und Politikerinnen erstellt, nach denen eine Straße benannt werden sollte.

Im Jahr 2012 analysierte Maria Pia Ercolini, Geografie-Lehrerin in Rom, wie viele Straßen in der italienischen Hauptstadt nach Frauen benannt wurden. Das Ergebnis war verheerend: nur 3,5 Prozent.

Ercolini hat die Facebook-Seite von Toponomastica femminile als Ausgangspunkt für ihre Kampagne zur Korrektur dieses Ungleichgewichts eingerichtet, und Tausende römische Bürger haben sich ihrer Initiative angeschlossen.

In Übereinstimmung mit dem 2007 verabschiedeten Gesetz haben spanische Städte Straßen umbenannt, die den Namen von Mitgliedern des Franco-Regimes trugen. Die Botschaft war eindeutig: Auf den Straßen ist kein Platz für Faschismus. Einige Städte – wie León und Valencia – beschlossen, die Geschichte der Frauen sichtbar zu machen, indem sie diese Straßen nach Frauen benannten, die sich diese Ehre verdient hatten.

Vor kurzem entschied sich die Stadt Brüssel für ein Online-Crowdsourcing , um neue Straßennamen auszuwählen. 28 Straßen sollen hinzukommen und Menschen aus dem ganzen Land wurden gebeten, Vorschläge für Straßennamen einzureichen. Dies war das erste Mal, dass belgische Bürger eine solche Gelegenheit erhielten. Viele von ihnen schlugen vor, neue Straßen nach Frauen zu benennen, die bei der Namensgebung bisher systematisch vernachlässigt wurden.

Kroatien – symbolische Abwesenheit von Frauen in Zagreb

Katja Vretenar und Zlatan Krajina von der Fakultät für Politikwissenschaft in Zagreb haben im vergangenen Jahr eine Untersuchung durchgeführt, die gezeigt hat, dass aus Zagreb in eine männliche Stadt gemacht wurde. Frauen dagegen sind „symbolisch abwesend“, obwohl sie physisch präsent sind.

Als Reaktion auf die Initiative des Zagreber Stadtrates, einen Park vor dem Literaturclub Booksain der Straße Martićeva nach einem männlichen Schriftsteller zu benennen, startete der Verein Kulturtreger die Petition „Park književnicama“ [Park für Schriftstellerinnen], die darauf abzielte, einen Park nach einer Schriftstellerin zu benennen.

Die Organisatoren der Petition wiesen darauf hin, dass es für die Stadt an der Zeit sei, Diskriminierung und Ungerechtigkeit gegenüber ehrenhaften und bemerkenswerten Frauen zu korrigieren, die bedeutende Spuren im literarischen und kulturellen Leben von Zagreb hinterlassen haben. Der Stadtrat beschloss jedoch, die Petition zu ignorieren und benannte einen Park nach dem kroatischen Schriftsteller Enver Čolaković. Damit marginalisierte er erneut drei vorgeschlagene Schriftstellerinnen, sowie andere Frauen, die es verdienen, von der Stadt Zagreb öffentlich geehrt zu werden.

Von dem Wunsch angetrieben, Veränderungen anzustoßen, analysierten wir die Situation der Straßennamen in 64 von 128 kroatischen Städten. In unserer Analyse haben wir die nach Paaren benannten Straßen (Mann und Frau) nicht berücksichtigt, da wir der Meinung sind, dass diese Art der Wahrnehmung von Frauen eine patriarchale Logik widerspiegelt. Ferner haben wir auch solche Straßen aus unserer Analyse ausgeschlossen, die nach weiblichen Figuren benannt wurden, die als fiktiv angesehen werden können, wie heilige Jungfrauen und Feen.

Es sei darauf hingewiesen, dass wir in den Fällen, in denen uns die Stadtverwaltung keine vollständigen Listen der Straßennamen bereitgestellt hat, die im Internet verfügbaren Dokumente verwendet haben. Es sei darauf hingewiesen, dass diese Daten enthalten könnten, die nicht exakt der aktuellen Situation entsprechen. Allerdings halten wir die eventuellen Abweichungen für geringfügig, so dass sie keinen Einfluss auf das Endergebnis haben dürften. Wir haben 15.010 Straßennamen analysiert, von denen nur 297, also 2,37 Prozent weiblich sind.

Die Besten und die Schlechtesten

Von 64 Städten, die der Analyse unterzogen wurden, haben 11 keine einzige Straße, die nach einer Frau benannt wurde: Benkovac, Buje, Buzet, Čazma, Duga Resa, Gospić, Imotski, Ivanec, Novi Marof, Sinj i Slunj.

An der Spitze der Liste steht die Stadt Belišće, wo 4 von 49 Straßen nach Frauen benannt wurden, d. h. 8,16 Prozent. In nur 9 Städten beträgt der Anteil der nach Frauen benannten Straßen mindestens 5 Prozent: Belišće (8,16 Prozent), Čakovec (5,14 Prozent), Hvar (5,20 Prozent), Krapina (5,33 Prozent), Opatija (5,15 Prozent), Orahovica (5,06 Prozent), Požega (6,83 Prozent), Pregrada (5,13 Prozent) i Slatina (6,45 Prozent).

In mehr als der Hälfte der untersuchten Städte (36), darunter einige der größten Städte des Landes, wurden weniger als 2 Prozent der Straßen nach Frauen benannt.

Je größer die Stadt, desto größer die Vergesslichkeit

Die acht größten kroatischen Städte (Zagreb, Split, Rijeka, Osijek, Zadar, Pula, Slavonski Brod i Karlovac) wurden in die Analyse einbezogen. Es hat sich gezeigt, dass in Zagreb nur 0,95 Prozent der Straßen nach Frauen benannt wurden, in Split 1,89 Prozent, in Rijeka 3,75 Prozent, in Osijek 1,89 Prozent, in Zadar 3,68 Prozent, in Pula 1,61 Prozent, in Slavonski Brod 2,84 Prozent und in Karlovac 1,46 Prozent.

So wurden in 5 der 8 größten Städte des Landes weniger als 2 Prozent der Straßen nach Frauen benannt. Am schlimmsten schneidet Zagreb ab (0,95 Prozent) und am besten – wenn auch keineswegs gut – Rijeka (3,75 Prozent).

Ferner sei darauf hingewiesen, es die großen öffentlichen Räume wie Plätze und Parks in den meisten kroatischen Städten auch nicht nach Frauen benannt werden – als ob es noch nicht ausreichen würde, dass sie bereits in der Straßen-Toponymie völlig marginalisiert sind. In den meisten unter die Lupe genommenen Städten gibt es keinen einzigen Platz oder Park, der nach einer Frau benannt wurde.

Wer sind die Frauen, nach denen Straßen benannt wurden?

Von allen Straßen, die in den von uns analysierten Städten nach Frauen benannt wurden, sind 18 der Schriftstellerin Ivana Brlic Mažuranić gewidmet. Auf sie folgt die Schriftstellerin und Journalistin Marija Jurić Zagorka (13), die Malerin Slava Raškaj (12) und die Komponistin Dora Pejačević (11).

Viele Straßen in Kroatien wurden nach weiblichen Heiligen benannt (St. Lucy's Street in Novi Vinodolski; St. Agatha's Street in Novigrad; St. Mary's Street in Novalja, Dubrovnik und Zadar; St. Margaret's Street in Karlovac; St. Ann's Road in Bjelovar, usw.). Den Namen der Jungfrau Maria tragen die Straßen in Novigrad, in Nin, in Pozega, in Slavonski Brod, in Sibenik und in Trogir. Den Namen von Feen findet man beispielsweise in der Velebit-Fee-Straße in Metkovic und Nin. 

Anstatt einer Schlussfolgerung

In den untersuchten Städten fanden wir keine einzige Straße, die nach einigen der bemerkenswertesten Frauen der kroatischen Geschichte benannt wurde. Also haben wir die folgende Liste als Inspiration für die Zukunft und (wie wir hoffen) die baldige (Neu-)Benennung von Straßen im ganzen Land erstellt:

Nada Dimić, Daša Drndić, Božena Begović, Anka Berus, Paula Landsky, Marija Braut, Mirjana Gross, Nada Mihelčić, Vesna Krmpotić, Mare Žebon, Katarina Dujšin Ribar, Mara Čop Marlet, Dunja Rihtman-Auguštin, Vinka Bulić, Elza Kučera, Ivana Tomljenović Meller, Žarana Papić, Olga Pavlinović, Vera Dajht Kralj, Nada Klaić, Jelena Krmpotić-Nemanić, Vanda Kochansky-Devidé, Jasenka Kodrnja, Zoja Dumengjić, Nives Kavurić-Kurtović...

 

Dienstag, 11. Dezember 2018

Quelle/n:

H-Alter

Übersetzung von:

Julia Heinemann | VoxEurop
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