Europa muss sich auf die Steuerharmonisierung konzentrieren, um Ungleichheiten abzubauen

Laut dem ersten Bericht des World Inequality Lab sind die Ungleichheiten in Europa seit 1980 leicht zurückgegangen, allerdings sind sie nach wie vor beträchtlich, insbesondere zwischen dem Westen und dem Osten des Kontinents.

Das World Inequality Lab hat kürzlich einen bemerkenswerten Bericht veröffentlicht, der die Entwicklung der Ungleichheiten in Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika seit 1980 misst. Der Titel lautet: „Konnte sich das europäische Sozialmodell dem Anstieg der Ungleichheiten widersetzen?“. Dies ist das erste Mal, dass eine Studie die Entwicklung der Einkommensunterschiede vor und nach der Besteuerung über einen so langen Zeitraum und für alle europäischen Länder analysieren konnte.

Im Allgemeinen hebt die World Inequality Lab Studie hervor, dass die Ungleichheiten zwischen der Mittel- und Unterschicht (50 Prozent der weniger Wohlhabenden) und den sehr reichen Menschen (1 Prozent der Reichsten) seit den 1980er Jahren sehr leicht zurückgegangen sind. Unterdessen sind sie in Russland und den USA explodiert.

Obwohl die Ungleichheiten auf globaler Ebene abgefedert wurden, gibt es trotz der Krise von 2008 immer noch erhebliche Unterschiede zwischen den europäischen Ländern. Es geht nicht darum, Unterschiede im Lebensstandard zwischen den Ländern aufzuzeigen, sondern vielmehr darum, die Einkommensunterschiede zwischen den reichsten und mittleren Schichten in jedem Land zu analysieren.

Für das World Inequality Lab sind es diese Unterschiede, die „fast vollständig“ jene Ungleichheiten bestimmen, die auf der individuellen Ebene fortbestehen. Folglich sind es die nationalen Sozialpolitiken, die Ungleichheiten heilen oder verschärfen.

Der erste und offensichtlichste Unterschied zwischen den europäischen Ländern ist der Unterschied im Durchschnittseinkommen in jedem Land. Während es in Luxemburg mit 60.000 € pro Jahr den höchsten Betrag in der Europäischen Union erreicht, sinkt es in Bulgarien auf 14.500 €. Der Abbau der Ungleichheiten würde durch ein schnelleres Einkommenswachstum für die Ärmsten als für die Reichsten erreicht werden.

Überraschenderweise zeigt die Studie, dass sich die Situation selbst dann, wenn es keine Ungleichheiten zwischen den nationalen Durchschnittseinkommen gäbe, kaum anders darstellen würde als heute.

Tatsächlich ist die Reichweite der verschiedenen Umverteilungssysteme – d.h. das staatliche Handeln nach der Steuererhebung – uneinheitlich. Das hat eine am 27. März vom französischen Gesundheitsministerium veröffentlichte Studie gezeigt. Sie belegt, dass Ungleichheiten im Zusammenhang mit dem finanziellen Aufwand für das Wohnen durch die öffentliche Verteilung von Mietzuschüssen deutlich reduziert werden.

Allerdings ist es den europäischen Ländern vor allem aufgrund der „Vorverteilung“ (Predistribution) gelungen, die zunehmenden Ungleichheiten im Zaum zu halten, d. h. den „Ausgaben für Bildung, Gesundheit, Arbeitsmarktregulierung, usw.“ zu verdanken. ", d. h. vorsteuerlicher Sozialaufwand, erklärt Lucas Chancel, Mitautor der Studie des World Inequality Lab, gegenüber VoxEurop. Dies wird besonders deutlich, wenn man Europa mit anderen Regionen der Welt vergleicht, zumal „das Niveau der Sozialausgaben, z.B. für Bildung, Gesundheit oder staatliche Renten, in West- und Nordeuropa etwa 7-8 Punkte höher ist als in den USA“.

Angesichts dieser Ungleichheiten auf dem Kontinent ist die Lösung für die Forscher des World Inequality Lab eindeutig: „Die EU muss sich verstärkt um den Abbau von Ungleichheiten innerhalb der Länder kümmern, insbesondere durch eine wirksamere Steuerharmonisierung“, betont Lucas Chancel. Sie sollte sich auf progressive Steuersätze zur Finanzierung der Sozialausgaben der „Vorverteilung“ konzentrieren, die für die Bekämpfung der Ungleichheiten unerlässlich sind.

Zwar ist entscheidend, dass die Europäische Union mehr Anstrengungen unternimmt, um die Unterschiede zwischen den Ländern abzubauen, aber sie muss sich ebenfalls um die Ungleichheiten zwischen den europäischen Bürgern kümmern. Das Zusammenwachsen der Staaten wird nicht ausreichen, um alle Lücken zu schließen.

Dienstag, 02. April 2019

Autor/en:

Zoé Durand

Quelle/n:

VoxEurop

Übersetzung von:

Julia Heinemann | VoxEurop

Daten-Nachrichten