Europa braucht ein ehrgeizigeres Erasmus-Programm

Jedes Jahr verbringen Zehntausende junge Europäerinnen und Europäer im Rahmen des Erasmus-Programms einige Zeit in einem anderen Land. Die EU-Stipendien ermöglichen Studierenden, Lehrkräften, Forschern, Künstlern, Sportlern, Freiwilligen und anderen Gruppen die Mobilität in Europa. Sie brauchen nur noch ihren Flug zu buchen und ihre Koffer zu packen.

Erasmus (jetzt in Erasmus+ umbenannt) ist das Flaggschiffprogramm der Europäischen Union und eines der wirksamsten Instrumente für den schrittweisen Aufbau der europäischen Bevölkerung. In den 32 Jahren seines Bestehens hat das Programm mehr als 9 Millionen Personen ermöglicht, einige Monaten oder, mit Erasmus Mundus , bis zu drei Jahren in einem anderen Land zu studieren oder zu arbeiten.

Laut der Europäischen Kommission lernen Erasmus-Studierende eine neue Sprache, erweitern ihren beruflichen Horizont, knüpfen neue Kontakte und fühlen sich deutlich europäischer. So ist beispielsweise bei ehemaligen Erasmus-Stipendiaten das Risiko, fünf Jahre nach Abschluss des Studiums arbeitslos zu sein, um 23 Prozent niedriger als im Durchschnitt . Jeder dritte Erasmus-Praktikant erhält ein Stellenangebot von dem Unternehmen, das ihn im Ausland ausgebildet hat. Mit anderen Worten, das Mobilitätsprogramm der Europäischen Union prägt die Laufbahn und die kulturelle Identität der Teilnehmer.

Die Europäische Union hat 14,7 Milliarden Euro für den Betrieb des Programms im Zeitraum 2014 bis 2020 bereitgestellt, etwa das Doppelte des von 2007 bis 2013 zugewiesenen Betrags. Davon entfallen rund zwei Drittel auf die bekanntesten Form, das heißt Studienaufenthalte für Hochschüler aus europäischen Ländern. Der Rest des Budgets ist anderen Partnerschaften und beruflichen Initiativen in den Bereichen Kultur, ehrenamtliche Tätigkeit und Sport gewidmet.

Wenn jedoch niemand die Macht des Programms in Frage stellt, hat die Erasmus-Generation noch keine kritische Masse erreicht. Es werden immer mehr Teilnehmer verzeichnet, die Zahl ist jedoch nach wie vor gering, sowohl was die Verbreitung als auch was das Gesamtbudget betrifft. Es gibt noch viel zu tun, bevor wir über eine Erasmus-Generation sprechen können, ohne in Rhetorik zu verfallen.

Den offiziellen Statistiken von Erasmus+ zufolge haben seit 1987 rund 9 Millionen Personen von dem Programm profitiert, d.h. etwas mehr als 1,7% der Bevölkerung der Europäischen Union (abgesehen davon, dass auch Nachbarländer wie Island, Norwegen, die Türkei und Serbien daran teilnehmen). Selbst wenn man nur die jungen Menschen berücksichtigt, erreicht das Erasmus-Programm im Zeitraum 2014 bis 2020 lediglich 3,7 Prozent dieser Gruppe – letztlich eine sehr geringe Zahl gemessen an der Gesamtbevölkerung.

Die fehlende Inklusion ist den Programmträgern und den proeuropäischen Politikern bekannt. „Das Erasmus-Programm in seiner derzeitigen Form steht nur einem verschwindende kleinen Prozentsatz zur Verfügung“, so Andrea Venzon, Mitbegründerin von Volt, einer paneuropäischen progressiven Bewegung. „Zusammen mit der Stärkung des europäischen Zusammenhalts muss das Erasmus-Programm Europäerinnen und Europäer aller Altersgruppen erreichen und für einen breiteren Austausch sorgen, nicht nur auf Hochschulebene. Es könnte ein Hebel für Auszubildende sein, Jugendarbeitslosigkeit vorbeugen und die Mehrsprachigkeit in den am stärksten benachteiligten Bevölkerungsgruppen fördern.“

Jugendliche spielen eine wesentliche Rolle für den Schutz des europäischen Projekts. „Junge Menschen sind unglaublich proeuropäisch“, erklärt Silvia Costa, MdEP und Präsidentin der Kommission für Kultur und Bildung. „Dem Eurobarometer zufolge sind die meisten Jugendlichen keine Euroskeptiker, sondern ungeduldige Europäer. Sie wissen nicht, was Grenzen sind, und finden es absurd, Schengen-Beschränkungen einzuhalten. Wir sehen es auch in Großbritannien, wo die jungen Wähler für den Verbleib in der Europäischen Union gestimmt haben. Zudem machen sie sich um die Zukunft des Erasmus-Programms und der Forschungsstipendien Sorgen.“

Dennoch könnte und sollte die Europäische Union aus haushaltspolitischer Sicht mehr tun. Im Jahr 2018 belief sich der Gesamthaushalt der Europäischen Kommission auf 161 Milliarden Euro. Davon entfielen nur 2,3 Milliarden Euro – oder 1,4 Prozent – auf das Erasmus+-Programm, an dem mehr als 34 Länder in und außerhalb der Europäischen Union beteiligt sind. Ebenfalls 2018 hat die Europäische Union immerhin 57 Milliarden Euro für die Landwirtschaft und 7 Milliarden Euro für die Verwaltung ausgegeben .

Die gewährten Stipendien erweisen sich immer als unzureichend, wenn man in einem anderen Land leben möchte. Bis 2017 erhielt ein italienischer Student im Durchschnitt je nach Zielland eine Finanzierung von etwa 300 oder 350 Euro pro Monat, mit Ausnahme lokaler oder regionaler Zuwendungen (die von Universität zu Universität oder von Region zu Region schwanken).

Sara Pagliai, Koordinatorin der Agentur Erasmus+ Indire, erläutert: „Es gibt laufende Initiativen zur Verbesserung des Stipendienangebots, aber es bedarf eines größeren Budgets. Um den Teilnehmerkreis auszuweiten, wäre mindestens der zehnfache Betrag erforderlich. Ein solches Budget würde eine stärkere Einbindung wirtschaftlich benachteiligter Gruppen ermöglichen.“

Im Rückblick lässt sich jedoch feststellen, dass die Investitionen in das Programm mit der Zeit steigen. Es begann mit 44.000 Stipendien in den damaligen zwölf Ländern der Europäischen Gemeinschaft. Dem Fonds standen 178 Millionen ECU (die europäische Rechnungseinheit bzw. virtuelle Währung, die zwischen den europäischen Ländern vor der Einführung des Euro verwendet wurde) zur Verfügung. Die Idee selbst entstand viel früher. „Sofia Corradi, eine Professorin in Bologna, die heute in Europa als die „Erasmus-Mutter“ bekannt ist, startete das Programm“, erzählt Silvia Costa. „Es dauerte viele Jahrzehnte, um dorthin zu gelangen, wo wir heute stehen. Es wird noch länger dauern, bis die Vereinigten Staaten von Europa verwirklicht sind, aber ich glaube, dass dieser Prozess nicht mehr aufzuhalten ist.“

Die Europäische Kommission schlägt heute vor, das Erasmus+-Budget auf 30 Milliarden Euro anzuheben, um in den nächsten 7 Jahren 12 Millionen Europäerinnen und Europäer zu erreichen. Der Haushalt sollte nach den Wahlen im Mai vom neuen Europäischen Parlament genehmigt werden . Ziel ist es, das Erasmus-Programm umfassender, größer und durchlässiger zu machen. Ein entscheidendes Ziel in einer historischen Phase, in der der europäische Zusammenhalt durch die trügerische Wiederentdeckung des Nationalismus gefährdet ist. Wer ein Erasmus-Stipendiat war, weiß das.

Freitag, 05. April 2019

Autor/en:

Jacopo Ottaviani

Quelle/n:

Internazionale

Übersetzung von:

Claudia Reinhardt | VoxEurop
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