EU-Banken finanzieren eine illegale Palmöl-Bonanza in Indonesien

Palmölfirmen, die für illegale Brände und möglicherweise auch Abholzungen in Indonesien verantwortlich sind, wurden von Finanzinstituten der europäischen Länder mit hohen Geldbeträgen unterstützt.

Europäische Banken waren zusammen mit anderen Finanzinstitutionen (Versicherungen, Rentenfonds und Vermögensverwaltern) an illegalen Waldrodungen zugunsten der Palmölproduktion in Indonesien beteiligt. Diese könnten zumindest teilweise eine Ursache für die Waldzerstörung und zusätzliche Kohlenstoffemissionen gewesen sein, welche die globale Erwärmung schüren.

Die Bürger in ganz Europa haben unabsichtlich zu diesen Auswirkungen beigetragen, da ihre Bankguthaben und Rentenersparnisse von den Finanzinstituten in Geld für forstwirtschaftliche Rohstoffunternehmen verwandelt wurden.

In den letzten sieben Jahren haben Geldgeber in der EU, dem Vereinigten Königreich, der Schweiz, Norwegen und Andorra große Summen an Palmölproduzenten weitergeleitet, die ihren Rohstoff von Plantagen beziehen, auf denen die Vegetation wiederholt abgebrannt wurde, obwohl dies einen Verstoß gegen das indonesische Recht darstellt. Die Gesamtfläche, die zwischen 2015 und 2019 von diesen Bränden betroffen war, entspricht 112.687 Hektar (zehnmal größer als das Pariser Stadtzentrum).

Der europäische Markt importiert große Mengen an Palmöl aus Indonesien, das hauptsächlich zu Biodiesel raffiniert wird, um fossile Brennstoffe im Transportsektor zu ersetzen. Zudem wird es als wichtiger Bestandteil in der Lebensmittelindustrie und in Alltagschemikalien wie Waschmitteln, Shampoo und Kosmetika eingesetzt, was den Palmölsektor zu einem lukrativen Geschäft für Kreditgeber und Investoren macht.

Unsere Untersuchung hat einzelnen Institutionen Palmölkonzerne zugeordnet. Dafür haben wir Daten der Forest & Finance Coalition und von Greenpeace miteinander kombiniert. Erstere verfolgte Finanzfluss-Aufzeichnungen ihrer Datenbank . Letztere zitierte Zahlen aus ihren Berichten der Jahre 2019  und 2020 , welche die beobachteten Brände in allen landwirtschaftlichen Konzessionen aufdeckten, die Palmölfrüchte an Mühlen und Raffinerien liefern. Solche Brände wurden nur selten strafrechtlich geahndet. Von allen Bränden, die zwischen 2015 und 2019 in Konzessionen auftraten und mit von europäischen Geldgebern finanzierten Palmölkonzernen verbunden sind, wurden nur 15 sanktioniert. Zu beachten ist, dass allein im Jahr 2019 17.550 Brände erfasst wurden.

Der größte Teil der Finanzierung wurde von Banken durch Kredite (Darlehen und Konsortialdienste) bereitgestellt, die sich zwischen 2013 und 2019 auf insgesamt 2,18 Mrd. $ (1,8 Mrd. €) beliefen. Weitere Finanzmittel wurden in Form von Investitionen (in Anleihen und Aktien) von institutionellen Anlegern wie Vermögensverwaltern (einschließlich der Vermögensverwaltungszweige von Banken), Versicherungsgesellschaften und Rentenfonds bereitgestellt. Kredite und Investitionen haben eine ganze Reihe von Palmölkonzernen querfinanziert. Etwa 70 % der Finanzinstitute, die (durch Kredite und Investitionen) an Palmölkonzernen mit Bränden beteiligt sind, haben ihren Sitz in den Niederlanden, der Schweiz, Großbritannien, Deutschland und Frankreich, wo alle Banken ansässig sind, die Kredite vergeben. Ihre Kredite und Konsortialdienste trugen zu den Geschäften der Palmölproduzenten bei, die mit über 57 % der verbrannten Flächen in Verbindung stehen, und zwar mit durchschnittlich 33,7 Mio. $ (27,8 Mio. €) pro Hektar.

Bei den Investitionen rangiert Norwegen anstelle von Frankreich unter den Top-Fünf der Länder mit den größten Beträgen. Im Jahr 2020 betrag die Beteiligung der Investoren in Palmölkonzernen mit rund 46 % der gesamten Brandfläche rund 84 Mio. $ (69 Mio. €). Auf die Top-Ten-Investoren (vor allem aus dem Vereinigten Königreich und den Niederlanden) entfallen fast 70 % aller Aktien- und Anleihen-Werte, mit einer durchschnittlichen Summe von 5.791 Mio USD (4.786 Mio €) pro Hektar, d. h. neunmal höher als der Durchschnitt aller anderen Institutionen.

Solche Zusammenhänge bedeuten weder, dass Kreditgeber und Investoren absichtlich Gesetzesverstöße unterstützt haben, noch dass die Palmölproduzenten, die ihr Geld erhalten haben, zwangsläufig die Verursacher aller Brände sind, oder dass letztere immer zu Abholzungen führen. „Konzessionsgesellschaften, die größtenteils im Besitz von Palmölproduzenten sind, sind rechtlich für alle Brände verantwortlich, die auf ihren Grundstücken entstehen; in einigen Fällen auch für solche, die außerhalb der Grundstücksgrenzen entstehen“, stellt Edwin Keizer, Forschungskoordinator bei Greenpeace Südostasien, klar. „Neben dem Einsatz von Feuer zur Waldrodung durch die Unternehmen sind die Brände auch das Ergebnis von Landkonflikten zwischen benachbarten ländlichen Gemeinden und den Unternehmen.“

Jüngste Änderungen des nationalen  indonesischen Gesetzes  haben die Haftung der Unternehmen geschwächt und machen es den Ermittlern viel schwerer, die Verantwortung für Brände innerhalb und außerhalb der Konzessionen zuzuordnen. Obwohl die Feuer von der Regierung verboten wurden, sind sie ein billiges Flächenmanagement-Mittel, das häufig eingesetzt wird: Nicht nur, um Waldrodungs-Holzreste zu beseitigen, sondern auch, um Gras und Gestrüpp, loszuwerden, welche die Bewirtschaftung und Ernte der Plantagen behindern. „Brände können schwerwiegende Schäden mit irreversiblen Auswirkungen auf Torfgebiete sowie Waldverluste verursachen“, erläutert Keizer. Dies wirkt sich  auch auf das Leben der lokalen Gemeinden und die Agrarökosysteme aus, von denen sie für ihren Lebensunterhalt abhängen: „Die Ausdehnung von Palmölplantagen in intakten Waldlandschaften trägt zu höheren Temperaturen und trockeneren Bedingungen bei, die wahrscheinlich die Baumsterblichkeit erhöhen und die Entflammbarkeit der Wälder steigern.“

Trotz der komplexen Realität vor Ort ist es unbestreitbar, dass ein großes Volumen der Unternehmensfinanzierungen und privaten Ersparnissen aus Europa in unkontrollierten Aktivitäten gelandet ist, die rechtswidrig sind und zerstörerische Auswirkungen haben. Die Kommentare, die wir von Finanzinstituten erhalten haben, deuten darauf hin, dass sie sich in Ermangelung rechtlich verbindlicher Anforderungen an die umweltbezogene Sorgfaltspflicht flexibel auf selbst erstellte oder unabhängige freiwillige Richtlinien verlassen. Solche Standards sind nicht streng genug, um Finanzmittel von Palmölproduzenten abzuleiten, die mit umweltfeindlichen Konzessionen verbunden sind.

Seit 2019 ist die Kreditvergabe an Palmöl-Konzerne mit Bränden in ihren Konzessionen offenbar zurückgegangen. Einige wenige Banken besitzen jedoch auch weiterhin Aktien oder Anleihen dieser Konzerne, und zwar im Auftrag ihrer Kunden. „Gemäß unserer Forestry & Agribusiness Policy  gehen wir keine Geschäftsbeziehungen mit Palmölproduzenten ein, die sich nicht verpflichten, Mitglied des Roundtable on Sustainable Palm Oil (Runder Tisch für nachhaltiges Palmöl, kurz RSPO) zu werden, und nicht auf eine entsprechende Zertifizierung hinarbeiten“, heißt es in einer E-Mail, die wir vom Credit Suisse erhalten haben, der mit dem zweitgrößten Brandgebiet aller Investoren in Verbindung steht.

Allerdings sind alle Palmölproduzenten, die mit Bränden in Verbindung gebracht werden und von der Schweizer Bank finanziert werden, dem RSPO angeschlossen. Diese Organisation hat sich zwar ein No-Deforestation-Ziel für 2020 gesetzt („Kein Abholzen“), garantiert allerdings noch keine 100 % brennfreie Palmölproduktion. „Bei Aktien- oder Obligationen-Beteiligungen, bei denen unsere Kunden die wirtschaftlichen Eigentümer sind, ist der Credit Suisse nicht in der Lage, die Anlageentscheidungen zu beeinflussen, es sei denn, sie sind durch geltende Gesetze verboten oder eingeschränkt“, erklärt Yannick Orto, Medienbeauftragter der Bank.

Alle Banken, die auf unsere Anfragen geantwortet haben, behaupteten, dass sie nicht für die Anlageentscheidungen ihrer Kunden verantwortlich sind, wenn sie als Vermögensverwalter agieren. Sie lehnten es ab, sich zu ihrer früheren direkten Beteiligung durch Kredite zu äußern.

„Wenn eine Bank einem Unternehmen, in dessen Konzessionen es im Vorjahr Brände gab, einen Kredit anbietet, dann macht sie sich einer unzureichenden Sorgfaltsprüfung schuldig, auch wenn sie die Brände nicht finanziert, zumal sie einem Unternehmen, das schlecht gearbeitet hat, mehr Geld gibt“, argumentiert Merel van der Mark, Koordinatorin der Forests and Finance Coalition. „Zudem sind die Banken – egal ob sie Finanzierungsentscheidungen unabhängig (durch Kredite) oder auf der Grundlage der Wünsche ihrer Kunden (durch Investitionen) treffen – letztlich diejenigen, die das Geld zur Verfügung stellen. Folglich sind sie für diese Entscheidungen verantwortlich.“

Nur einige wenige andere Finanzinstitute als Banken antworteten uns. Im Jahr 2020 investierte die britische Versicherungsgesellschaft Aviva in den Palmölproduzenten Astra International (der zur Jardine Matheson Gruppe gehört). Dieses Unternehmen, das über seine Tochtergesellschaft Astra Agro Lestari in der Palmölproduktion tätig ist, hat mehr europäische Kreditgeber und Investoren angezogen als jeder andere Palmölproduzent. „Wir beurteilen alle unsere Betriebe nach den ESG-Kriterien  (Umwelt, Soziales und Unternehmensführung), und Astra hat ein MSCI ESG 'A'-Rating“, erklärt ihr Sprecher Steve Ainger. Laut dem Profil von Astra International im ESG-Index ist sein letzter verfügbarer Environmental Pillar Score (Umweltindex, 2019) jedoch tatsächlich niedriger: Ein 'D'. (Das 'A' bezieht sich stattdessen nur auf den Controversy Score,  der anzeigt, dass es keine öffentliche Kampagne gegen das Unternehmen gibt.)

„Wir integrieren die ESG-Kriterien nach und nach in die Bewertung von Aktien und Anleihen“, meint Matteo Tagliaferri, Direktor für Marketing und Kommunikation der italienischen Vermögensverwaltungsfirma Anima, die auch an Astra International beteiligt ist. „Zu diesem Zweck verwenden wir ein Rating, das auf den von Drittunternehmen vergebenen Punkten basiert.“

Ward Warmerdam, leitender Wissenschaftler bei Profundo, einer unabhängigen Forschungsorganisation, die sich auf Nachhaltigkeit spezialisiert hat, meint: „Bei der Entscheidung, sich an ökologisch riskanten Aktivitäten wie Palmöl zu beteiligen, schaffen Finanziers ein Gleichgewicht zwischen den Renditen, die durch die hohe Produktivität bestimmter Konzerne versprochen werden (die durch nicht-nachhaltige Unternehmenspraktiken wie den Einsatz von Feuer angetrieben werden können), und den potenziellen Reputations-Rückschlägen, die dazu führen können, dass solche Konzerne ihre Kunden und ihren Marktwert verlieren.“

Unsere Analyse zeigt, dass die gleichen Palmöl-Konzerne immer wieder Fördermittel erhalten haben. Ferner gibt es noch Finanzdaten aus dem Jahr 2020, die in den kommenden Monaten aktualisiert werden. Möglicherweise werden weitere Abkommen für 2019 (auch für Palmöl-Konzerne mit Bränden) aufgedeckt, zumal diese möglicherweise erst später im Jahr 2020 offengelegt wurden, als die Recherchen der Forests and Finance Coalition bereits abgeschlossen waren.

"Verfügbare Übersetzungen
Donnerstag, 29. April 2021

Übersetzung von:

Julia Heinemann | VoxEurop
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Tags

Umwelt

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