Die Polarisierung der Beschäftigung ist ein politisches Thema

Die Entwicklung der Sozialstruktur von 15 europäischen Ländern zeigt nach Ansicht des französischen Soziologen Camille Peugny, welch wichtige Rolle die öffentlichen Politik spielt, insbesondere bei der sich verschärfenden Kluft zwischen qualifizierten und gering qualifizierten Arbeitsplätzen.

Foto: G. Pauwels/Flickr

Die These ist bekannt: Durch den technischen Fortschritt (insbesondere in den Bereichen Informatik und Robotertechnik) werden viele mittelqualifizierte Arbeitsplätze (Buchhalter, Maschinenbediener, Gesundheitsassistent, usw.) aussterben bzw. sind dabei, zu verschwinden. Dies birgt die Gefahr einer Polarisierung der Beschäftigung zwischen hochqualifizierten Berufen (Fachwissen, Konzeption) und anderen mit geringer Qualifikation, vor allem im Dienstleistungssektor, d. h. „beziehungstechnischen“ Berufen, bei denen menschliche Fähigkeiten schwer zu ersetzen sind. Es gibt unzählige Listen von „Arbeitsplätzen, die aussterben werden“ oder „die innerhalb von fünf Jahren von der künstlichen Intelligenz bedroht werden“.

Aber inwiefern ist diese Entwicklung tatsächlich in ganz Europa am Werk? Um dem auf den Grund zu gehen, untersuchte der Soziologe Camille Peugny die Entwicklung der Sozialstruktur von 15 europäischen Ländern über zwanzig Jahre hinweg (1993-2013). Hierfür hat er die Veränderungen der verschiedenen sozio-professionellen Kategorien (Führungskräfte, mittlere Angestellte, Arbeitnehmer, Arbeiter, usw.) im Laufe des Zeitraums auf der Grundlage von Daten über die nationalen Arbeitsmärkte rekonstruiert, und zwar aus der Arbeitskräfteerhebung der Europäischen Union . Dementsprechend ist auf dem Alten Kontinent eine deutliche Tendenz zur Polarisierung der Beschäftigung zu erkennen, die sich in den einzelnen Ländern allerdings in sehr unterschiedlichem Maße bemerkbar macht.

Auch die „am wenigsten qualifizierten Berufe“ entwickeln sich in 11 von 15 Ländern weiter: „Solche Ergebnisse verdeutlichen die Grenzen von Analysen, die eindeutig den „Aufstieg“ der Sozialstrukturen in den westlichen Ländern beschreiben“, meint Camille Peugny. Tatsächlich schließt dieser reale Trend „die Verbreitung von Beschäftigungsverhältnissen mit niederen Tätigkeiten, die durch eine verschlechterte Stellung auf dem Arbeitsmarkt, schwierige Arbeitsbedingungen und sehr niedrige Löhne gekennzeichnet sind, nicht aus – ganz im Gegenteil“.

Die Untersuchung der Zukunft von „mittleren qualifizierten“ Berufen führt dazu, dass der Forscher drei Arten von Veränderungen in der Sozialstruktur in Europa unterscheidet. Wie wir gesehen haben, ist der Anteil von Führungskräften an der Gesamtbeschäftigung überall deutlich gestiegen. Hinzukommt, dass die Zahl der Industriefachkräfte – eine für mittlere Fachkräfte typische Kategorie – überall gesunken ist, in Ländern wie Deutschland, Frankreich, Österreich und Portugal sogar „ganz dramatisch“.

In einigen Ländern ging dieser Anstieg jedoch nicht mit einem Rückgang des Anteils der am wenigsten qualifizierten Arbeitsplätze einher. Dies ist beispielsweise in Dänemark der Fall, aber auch in den Niederlanden, im Vereinigten Königreich, in Portugal und Finnland.

In anderen Ländern hat die Polarisierung der Beschäftigung, d.h. die Zunahme des Anteils der Führungskräfte und der am wenigsten qualifizierten Fachkräfte, einen gewissen Erhalt der Beschäftigung der mittleren Qualifikationen nicht verhindert. In Deutschland, wie auch in Spanien, Italien und Griechenland, wird der Rückgang der Verwaltungsjobs – eine weitere typische Kategorie der mittleren Fachkräfte – eingedämmt oder sogar gestoppt.

Neben Österreich und Schweden ist Frankreich hingegen eines der Länder mit der stärksten Tendenz zur Polarisierung. Diese drei Länder weisen vier Dynamiken auf: eine Zunahme des Anteils der Führungskräfte, eine Zunahme des Anteils der am wenigsten qualifizierten Arbeitsplätze um mindestens 20 Prozent, und umgekehrt eine Abnahme des Anteils der Facharbeiter- sowie der Verwaltungsangestellten um mindestens 20 Prozent.

Diese Ergebnisse zeigen laut Camille Peugny einerseits, dass „nicht alle europäischen Länder mit einer einheitlichen Polarisierungs-Dynamik ihrer Sozialstruktur konfrontiert sind“, und andererseits, dass die Erklärung der technologischen Innovation unzureichend ist: „Einige Länder verzeichnen keinen bedeutsamen Rückgang im Verwaltungsbereich, während andere, die eben genau damit konfrontiert sind, keine echte Polarisierung erleben, zumal der Anteil der am wenigsten qualifizierten Berufe nicht signifikant zunimmt.“

Die Schlüsselrolle des Dienstleistungssektors…

Um die treibenden Kräfte hinter diesen Veränderungen besser zu verstehen, beschäftigt sich der Soziologe ausführlich mit der Entwicklung der gering qualifizierten Arbeitsplätze, d.h. der „untergeordneten Arbeitnehmerschaft“. Der Wissenschaftler zeigt hiermit, dass der Anteil der Gesamtzahl der Angestellten und Arbeiter an der Gesamtbeschäftigung sehr unterschiedlich ist: In Ungarn erreicht er 58 Prozent, in Griechenland, wo es viele Selbständige und Landwirte gibt, sind es nur 40 Prozent, oder aber in den Niederlanden. Ferner ist der Anteil dieser Arbeitnehmer und der im Dienstleistungssektor tätigen Arbeitnehmer unterschiedlich.

Camille Peugny stellt auch fest, dass der Tertiärisierungs-Grad in den Ländern mit dem gleichen Anteil an Angestellten und Arbeitern sehr unterschiedlich ist. Die Fälle Deutschland, Österreich oder Italien, welche die Besonderheit aufweisen, einen wichtigen Industriesektor beibehalten zu haben, unterscheiden sich insbesondere von denen Frankreichs oder Spaniens, wo drei Viertel der untergeordneten Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor angesiedelt sind.

Der Dienstleistungssektor ist jedoch derjenige mit den am stärksten verschlechterten Beschäftigungsbedingungen. Das zeigt eine Untersuchung der Häufigkeit von unfreiwilliger Teilzeitarbeit im Vergleich zur Gesamtbeschäftigung. Erste Beobachtung: „In allen Ländern ist der Anteil der unfreiwillig erduldeten Teilzeitarbeit bei den Angestellten höher als bei den Arbeitern“. Zweite Beobachtung: Im Dienstleistungssektor besteht in den meisten Ländern eine Kluft zwischen „qualifizierten“ Arbeitsplätzen (Friseure, Pfleger, Köche, usw.) und „gering qualifizierten“ Arbeitsplätzen (Kellner, Hausmeister, personenbezogene Dienstleistungen, usw.). Die erlittene Teilzeit ist bei letzteren viel häufiger als bei ersteren.

…und die staatliche Politik

In Dänemark oder Schweden ist diese Kluft kaum vorhanden, während sie in Frankreich und in den Ländern Südeuropas besonders ausgeprägt ist. In Italien, Frankreich und Spanien sind die unfreiwilligen Teilzeitarbeits-Quoten bei den gering qualifizierten Dienstleistung-Arbeitnehmern am höchsten (jeweils 40 Prozent, 36 Prozent bzw. 31 Prozent, beispielsweise verglichen mit 13 Prozent in Dänemark). Für Führungskräfte übersteigt diese Rate nie 5 Prozent…

Nach Ansicht des Soziologen kann die Beschäftigungs-Polarisierung daher nicht nur am Stundenlohn gemessen werden, wie es Ökonomen oft tun. Vielmehr handelt es sich auch um eine Polarisierung der Beschäftigungsbedingungen, wobei die am wenigsten Qualifizierten eine Fragmentierung der Arbeit dulden müssen: oft in Form von Teilzeit und mit zersplitterten Arbeitsstunden. Darüber hinaus zeigen die Unterschiede zwischen den nationalen Entwicklungen, dass es in diesem Bereich keinen technologischen Determinismus gibt. Laut Camille Peugny werden die jüngsten Veränderungen in der Sozialstruktur auch von der staatlichen Politik beeinflusst, die insbesondere einen starken Einfluss auf die Qualität der Arbeitsplätze auf der untersten Ebene der Berufe hat.

So trägt beispielsweise Frankreichs Politik der Unterstützung personenbezogener Dienstleistungen , welche die Menschen ermutigt, Arbeitnehmer für die Erledigung ihrer täglichen Aufgaben einzustellen, ohne sich dabei wirklich um die Arbeitsbedingungen zu kümmern, zur Polarisierung der Sozialstruktur bei, indem sie eine fragmentierte Form der Arbeit für die am wenigsten qualifizierten Personen fördert. Umgekehrt ist „die relative Qualität der Arbeitsplätze im Bereich der personenbezogenen Dienstleistungen in Dänemark und Finnland wahrscheinlich mit der Tradition der Kommunalisierung dieser Arbeitsplätze verbunden, die es mehr als 80 Prozent der betroffenen Arbeitnehmer in Finnland ermöglicht, von der Rahmenvereinbarung für den kommunalen Sektor zu profitieren und eine Fragmentierung der Arbeit zu vermeiden, wie sie es in Frankreich oder Spanien gibt“.

Der europäische Vergleich zeigt demnach, dass die Verarmung der Arbeitnehmer am unteren Ende der Beschäftigungs-Rangliste nicht unvermeidlich ist, sondern zumindest teilweise auf politische Entscheidungen zurückzuführen ist, die nur zu selten diskutiert werden.

Montag, 11. Februar 2019

Autor/en:

Xavier Molénat

Übersetzung von:

Julia Heinemann | VoxEurop

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