Der Wind, der Wälder vernichtet, in Italien und anderweitig

Ein Jahr nach dem heftigsten Sturm, den Italien jemals zu beklagen hatte, messen wir die Auswirkungen der Katastrophe. Es handelte sich nicht um ein vereinzeltes Ereignis. Die europäischen Wälder werden stärker als früher von Unwettern in Mitleidenschaft gezogen.

Windthrow in South Tyrol (photo: Marco Ranocchiari)

Vor genau einem Jahr, Ende Oktober 2018, wütete ein verheerendes Unwetter in Nord- und Süditalien. Überschwemmungen, Schlammlawinen, Erdrutsche und Sturmfluten forderten mindestens zwölf Todesopfer und führten zu Schäden, die auf knapp 3 Milliarden Euro geschätzt wurden.

Am auffälligsten war zweifellos der Schirokko, der über das Land fegte. In wenigen Stunden wurden ganze Wälder im Nordosten des Landes von Sturmböen mit fast 200 Stundenkilometern vernichtet.

Stürme im Vergleich

Italien hatte noch nie ein Ereignis dieser Stärke erlebt. In vielen Messstationen überschritten Niederschlagsmenge und Windgeschwindigkeit ihre historischen Höchststände. Flüsse überfluteten Gebiete, die seit Jahrzehnten nicht mehr überflutet worden waren. Millionen Bäume fielen wie Zahnstocher um. In wenigen Stunden hatte der Sturm große bewaldete Flächen dem Erdboden gleichgemacht.

Die betroffenen Regionen hatten bereits eine lange Reihe von Naturkatastrophen mit verheerenden Folgen für Wälder und Forste erlebt. Aber selbst im Jahr 1966, als die große Flut Italien in die Knie zwang, wurde zehnmal weniger Windbruch verzeichnet

Obwohl solche Stürme außergewöhnlich sind, sind sie in Europa nicht unbekannt. Wind ist auf dem Kontinent für Wälder gefährlicher als Feuer. Mehr als 17 Millionen Kubikmeter Bäume knicken jedes Jahr um – eine Zahl, die sich Schätzungen zufolge bis 2050 verdoppeln könnte. Am stärksten betroffen sind Mittel- und Westeuropa, insbesondere die Länder am Atlantik, und Nordeuropa.

1999 verursachten die „Weihnachtsorkane“ Lothar und Martin beispiellose Verwüstungen: 240 Millionen Kubikmeter zerstörte Wälder, davon 176 in Frankreich und 34 in Deutschland, den am stärksten betroffenen Ländern. Rund 140 direkte Todesopfer, mindestens 100 Menschen starben im folgenden Jahr während der gefährlichen Säuberungsarbeiten. Der Holzmarkt lag auf dem Boden, der Gesamtschaden übertraf 10 Milliarden Euro.

Im Vergleich zu diesen Katastrophen verblasst sogar der Orkan Vaia vom Oktober 2018. Stürme dieser Art treffen selten die Gebiete südlich der Alpen. Obwohl ein einziges Ereignis nicht ausreicht, um es auf die globale Erwärmung zurückzuführen, weisen zahlreiche Studien darauf hin, dass Stürme in Zukunft größere Gebiete treffen könnten und das Nadelwälder (wie jene der Alpen) zu den exponiertesten zählen. 

Wenn der Sturm auf Berge trifft

Die massiven Waldschäden des letzten Jahres betrafen hauptsächlich das östliche Trentino und das Gebiet von Belluno. Gebirgsregionen sind besonders anfällig, weil sie hydrogeologischen Instabilitäten ausgesetzt sind, insbesondere in Zeiten des Klimawandels und der Entvölkerung.

 

In den betroffenen Wäldern wurden mehr als 40% der Bäume entwurzelt, hauptsächlich an steilen Hängen in großer Höhe. Diese sind dann Lawinen und Erdrutschen ausgesetzt, manchmal in der Nähe von Siedlungsgebieten, Straßen oder anderen Infrastrukturen. Allein in der Provinz Trento gibt es 280 Orte, die aufgrund der verheerenden Folgen von Vaia als gefährdet eingestuft wurden. Ganz zu schweigen davon, dass auch die Sicherungsarbeiten und das Entfernen der Baumstümpfe besonders mühsam und gefährlich sind.

Ein Großteil der Wirtschaft der betroffenen Regionen basiert auf Gebirgstourismus, aber im Trentino hat der Sturm 2150 Kilometer (40%) Wanderwege beschädigt. Dazu kommen noch 1800 Kilometer gefährdeter Waldwege. Nach dem Orkan fiel der Preis für gefälltes Holz um 31,8% und für ungefälltes sogar um 63,4%. Viele Bäume liegen noch auf dem Boden: Es wird befürchtet, dass der holzfressende Borkenkäfer sich im Frühjahr 2020 auf dem abgestorbenen Holz vermehrt, dann die lebenden Bäume schädigt und so das Ausmaß der gefährdeten Wälder verdoppeln kann.

Der „Hammer Gottes“

Wie so oft bieten auch Krisen Chancen. „Als er über die Wälder fegte und die Bäume massenweise fällte “, schreibt Marco Borghetti in der von ihm geleiteten Zeitschrift der Italienischen Gesellschaft für Forstwirtschaft und Ökologie, „sprachen die alten Förster vom Wind als dem Hammer Gottes“, in Bezug auf das traditionelle Werkzeug, mit dem sie die zu fällenden Bäume markieren.

Im Triveneto wurden die Wälder Jahrhunderte lang von den Eingriffen des Menschen gestaltet. Art und Alter der Bäume zeugen von Ereignissen der Vergangenheit, etwa der Aufforstung nach der Verwüstung des Ersten Weltkriegs. Die fast reinen Fichtenwälder, die aus oft gleichaltrigen Bäumen bestehen, eignen sich am besten für die Forstwirtschaft in diesen Gebieten, sind aber auch am stärksten von Stürmen wie Vaia betroffen. „Die durch den Wind verursachten Zerstörungen sind eine notwendige Voraussetzung für den Walderneuerungszyklus“, erklärt Borghetti, insbesondere in den Höhenlagen. „Bald werden wir die positive Wirkung des Sturms sehen: Er hat den Wald im Rahmen des natürlichen Kreislaufs geprägt.“

Es wird oft angenommen, dass die Wälder auf der ganzen Welt verschwinden. In Wirklichkeit passiert in Europa genau das Gegenteil. In den letzten dreißig Jahren hat der Wald in Italien fast siebzigtausend Hektar pro Jahr zugelegt. Der Nordosten des Landes bildet keine Ausnahme. So gesehen erscheint die zerstörerische Kraft von Vaia weniger dramatisch. Dieser Blickwinkel ist notwendig, um zuversichtlich in die Zukunft zu sehen.

„Früher war die Forstwirtschaft die Haupteinnahmequelle für eine arme und marginalisierte Bevölkerung“, so Borghetti. „Heute ist dies nicht mehr der Fall. Wir können die technischen und administrativen Entscheidungen auf wissenschaftliche Erkenntnisse und Beobachtungen stützen.“ Das Erbe der Wälder ist ein Zeugnis der Zeit. Vielleicht zeigt sie uns, dass heute eine sorgfältigere Bewirtschaftung angezeigt ist, die Vielfalt und Belastbarkeit stärker berücksichtigt.

Die Wiederaufforstung im Nordosten beginnt nächstes Jahr; verwüsteten Hängen wird Vorrang eingeräumt. Modernen Aufforstungskriterien zufolge werden weniger Setzlinge gepflanzt, in kleinen Gruppen mit ausreichendem abstand, um das Wachstum einer größeren Vielfalt anderer Arten zu ermöglichen. Es besteht auch die Möglichkeit, größere Flächen in ihrem natürlichen Zustand zu belassen. Gleichzeitig wird jedoch versucht, die einst für die Alpenlandschaft charakteristischen Wiesen- und Weideflächen wiederherzustellen, die aufgrund der Entvölkerung und der Entwicklung der Produktionstätigkeit nach und nach aufgegeben und vom Gestrüpp „gefressen“ wurden.

Vaia stellt also einen Wendepunkt dar. Wie das Gebirge in Nordostitalien in Zukunft aussehen werden, hängt weitgehend von den Entscheidungen ab, die wir heute treffen. Das gilt auch für den übrigen Planeten.

Mittwoch, 30. Oktober 2019

Quelle/n:

OBC Transeuropa

Übersetzung von:

Ciaran Lawless | VoxEurop

Data sources: Società Italiana di Selvicoltura ed Ecologia Forestale , 2018; European Forest Institute, 2010 and 2013

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Tags

Umwelt

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