Brexit: "Global Britain" kämpft um seine Verwirklichung

Die wenigen Handelsabkommen, welche die britische Regierung bisher mit Nicht-EU-Ländern abgeschlossen hat, werden den durch den Austritt aus der Union verursachten Verlust des europäischen Marktes nur geringfügig ausgleichen.

Photo: Ilovetheeu/Wikimedia (CC BY-SA 4.0)

In den Augen der in London an der Macht befindlichen Konservativen ist einer der angeblichen Vorteile des Brexit, dass – dank des Abschlusses neuer Freihandelsabkommen mit einer ganzen Reihe von Ländern außerhalb der Europäischen Union – ein weltoffeneres Großbritannien aufgebaut werden kann. Die Übergangszeit läuft nur noch wenige Wochen. Das schicksalhafte Datum des Austritts des Vereinigten Königreichs aus der EU ist am 31. Dezember. Und während die Unterzeichnung eines Abkommens zwischen London und Brüssel allmählich immer unwahrscheinlicher scheint, ist dennoch klar, dass die von Boris Johnson formulierten Träume des „Global Britain“ noch lange nicht Wirklichkeit geworden sind. Die wenigen Vereinbarungen, welche die britische Regierung bisher geschlossen hat, werden den Verlust des europäischen Marktes nur in geringfügigem Maße ausgleichen.

Mit seinem ersten großen Freihandelsabkommen, das Ende Oktober mit Japan unterzeichnet wurde und am 1. Januar 2021 in Kraft treten soll, erregte London großes Aufsehen. „Japan hatte immer gesagt, es bedürfe eines Abkommens zwischen Brüssel und London, um den Handel mit den Briten fortzusetzen. Aus politischer Sicht ist dies daher ein bedeutsamer Sieg für die britische Regierung“, räumt Catherine Mathieu, Ökonomin am OFCE, ein. Aber aus wirtschaftlicher Sicht repliziert dieses Abkommen vor allem die Bedingungen, unter denen das Vereinigte Königreich bereits als Mitglied der Europäischen Union mit Japan Handel treiben konnte. „Es geht nicht viel weiter“, meint Catherine Mathieu, „könnte längerfristig aber die Beteiligung Großbritanniens am transpazifischen Partnerschaftsabkommen erleichtern.“

Im Übrigen hat das Vereinigte Königreich bisher 22 Handelsabkommen mit rund 50 Ländern, darunter die Schweiz, Chile und Südkorea, unterzeichnet. Allerdings machen diese Abkommen für das Jahr 2019 insgesamt nur 7,8% seiner Warenexporte aus, stellt der Crédit Agricole in einer kürzlich erschienenen Mitteilung fest. Derzeit laufen Gespräche über den Abschluss von Abkommen mit 16 weiteren Ländern, darunter Kanada, Mexiko und die Türkei, die – im Vergleich zum Gewicht der Europäischen Union (46%) – aber ebenfalls nur einen geringen Prozentsatz der britischen Exporte (6,8%) ausmachen.

Was die USA betrifft, die nach der Europäischen Union der wichtigste Handelspartner Großbritanniens sind, so haben sie mit London ein so genanntes „Abkommen über gegenseitige Anerkennung“ unterzeichnet. Das gilt auch für Neuseeland und Australien. Für beide Unterzeichner läuft dies darauf hinaus, dass sie die Übereinstimmung einer bestimmten Anzahl von Produkten aus dem Partnerland mit ihren eigenen Normen anerkennen, um sich von den zahlreichen Kontrollen oder Tests zu befreien, die eigentlich beim Grenzübertritt notwendig wären. Auch in diesem Punkt erneuert London lediglich im Großen und Ganzen das Abkommen über die gegenseitige Anerkennung, das bereits zwischen der Europäischen Union und den USA besteht. „Es umfasst nur vier oder fünf Arten von Waren, darunter Telekommunikationsgeräte und Arzneimittel“, erklärt Catherine Mathieu. Das Ziel? Zu verhindern, dass all diese Produkte ab dem 1. Januar plötzlich ihre Zulassung verlieren, und plötzlich nicht mehr in das Vereinigte Königreich ein- und ausreisen dürfen. Seit langem hofft Boris Johnson, noch einen Schritt weiter zu gehen und ein Freihandelsabkommen mit den Amerikanern zu schließen. Allerdings ist es bisher noch nicht dazu gekommen , weil Donald Trump den Wunsch hat, einen privilegierten Zugang zum britischen Lebensmittelmarkt und Gesundheitswesen miteinzubeziehen. Und selbst wenn die Diskussionen zu diesem Thema wieder aufgenommen würden, befindet sich das Vereinigte Königreich nicht in der stärkeren Verhandlungsposition.

Durch die Nachahmung aller Abkommen, zu denen es durch seine Mitgliedschaft in der Europäischen Union Zugang hatte, begrenzt London die Verluste, eröffnet aber keine neuen Handelsmöglichkeiten, die den Traum der Konservativen von einem globalisierten Vereinigten Königreich Wirklichkeit werden lassen könnten. Indem es sich – zum Nachteil der Unterzeichnung eines Abkommens mit Brüssel – auf diese Handelsabkommen konzentriert, geht das Vereinigte Königreich eine riskante Wette ein. Zumal „es höchst unwahrscheinlich ist, dass das Vereinigte Königreich in der Lage sein wird, den Verlust der Vorteile der EU-Mitgliedschaft durch Handelsabkommen mit anderen Ländern auszugleichen“, meint die Abteilung für Wirtschaftsanalyse des Crédit Agricole.

Boris Johnson, dessen Mantra nun lautet, den Brexit mit oder ohne ein Abkommen mit der Europäischen Union durchzuführen, scheint die Vorteile zu unterschätzen, die sein Land aus dem Binnenmarkt gezogen hat. Wie der Ökonom Vincent Vicard zu Beginn der Verhandlungen erklärte, schafft dieser „dreimal mehr Handelsbeziehungen zwischen den Mitgliedsländern als ein traditionelles Handelsabkommen“.

"Verfügbare Übersetzungen
Montag, 16. November 2020

Autor/en:

Aude Martin

Übersetzung von:

J. Heinemann | Voxeurop
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