Immer mehr Kunststoff-Verschmutzungen an der Spitze der Erde

In den nördlichsten arktischen Regionen Europas wurden immer mehr Kunststoff-Verunreinigungen festgestellt.

Foto: PxHere

In den nördlichsten arktischen Regionen Europas wurden immer mehr Kunststoff-Verunreinigungen festgestellt. Wissenschaftler registrieren hohe Konzentrationen von Mikroplastik-Teilchen: Nicht nur in arktischen Gewässern, sondern auch in arktischem Eis und Schnee. Es gibt Hinweise darauf, dass die Kunststoff-Verschmutzung den noch eis-verkapselten Nordpol erreicht hat, der Hunderte von Kilometern von menschlichen Siedlungen entfernt ist.

„Unsere neuesten Erkenntnisse zeigen, dass es Kunststoffe heute wirklich überall gibt. Es ist schwierig, irgendwo in der Arktis einen Ort zu finden, der nicht betroffen ist, und es gibt keine Möglichkeit, Mikroplastikteilchen weder aus dem Meer noch aus Eis oder Schnee zu entfernen", erklärt die leitende Forscherin Dorte Herzke vom Norwegischen Institut für Luftforschung gegenüber EUobserver.

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse über Kunststoffabfälle in der Arktis wurden Ende Januar in Tromsø, der Hauptstadt des norwegischen arktischen Nordens, vorgestellt.

Die Frustration in der dünn besiedelten Arktis wächst, zumal der überwiegende Teil der Kunststoff-Abfälle aus anderen Teilen der Welt stammt. „Die Debatte hat sich vor zwei Jahren völlig verändert, als ein Wal strandete, dessen Bauch voller Plastiktüten war“, antwortet Norwegens Außenministerin Ine Marie Eriksen Søreide auf eine EUobserver-Frage.

„Jeder erkannte, dass dies etwas war, das der Wal auf seinen langen Reisen in seinen Bauch aufgenommen hatte. So wurde uns klar, dass viele der Länder, die am stärksten von Abfällen im Meer betroffen sind, diese nicht selbst produzieren.“

Søreide und mehrere andere Regierungsvertreter nahmen in diesem Jahr an der so genannten Arctic Frontiers Conference in Tromsø teil, die darauf abzielte, Wissenschaft und Politik an einen Tisch zu bringen.

Vom Winde verweht

Für die Verschmutzung der Meere durch Kunststoffe sind zu einem Großteil Abfälle aus dem asiatisch-pazifischen Raum, aber auch aus Europa verantwortlich, die durch die weltweiten Meeresströmungen in die arktischen Meere geschleudert werden. Hinzukommen aber auch von Wissenschaftlern identifizierte mikroskopische Plastikteilchen, die durch Langstreckenwinde in die Arktis getragen wurden.

Schneefall wäscht diese mikroskopisch kleinen Kunststoff-Fragmente in den Ozean oder legt sie auf der Eisschicht auf den Ozeanen ab.

„Wir können diese Konzentration von Plastik grundsätzlich von der Atmosphäre durch das Eis, durch die Wassersäule und zu den Ablagerungen auf dem Meeresboden verfolgen. Und vergessen Sie nicht, dass dies in der Arktis geschieht, die bereits durch den starken Klimawandel bedroht ist“, mahnt Dr. Ilka Peeken, eine Meereis-Ökologin des Alfred-Wegener-Instituts Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, Bremerhaven, Deutschland.

Auf den Reisen mit dem Polarstern, einem Forschungsschiff des Alfred-Wegener-Instituts, bohrten Peeken und ihre Kollegen Kerne aus Eisschollen, die teilweise bis weit in den Norden des Makarow-Beckens im zentralen Teil des Arktischen Ozeans nahe dem Nordpol reichen. Diese Kerne enthielten „eine extrem hohe Anzahl“ von Mikroplastik-Teilchen, berichtet sie.

Sie befürchtet nun, dass Kunststoff das empfindliche Ökosystem in der Arktis beeinträchtigen wird: „Meine eigene Theorie ist, dass das Meereis den Kunststoff selbst weiter in noch kleinere Teilchen zerlegt. Weil das Meereis so kalt ist, werden die sogenannten Solekanäle im Eis sehr salzig, und das Salz kann den Kunststoff weiter zerlegen“, meint sie.

Wenn dies nachgewiesen wird, kann dies ein neues Niveau von Umweltproblemen bedeuten. „Das Problem ist: Je kleiner die Teilchen werden, desto mehr Schaden können sie anrichten. Heute sprechen wir von Nano-Kunststoffen, bei denen die Teilchen so klein sind, dass sie in Zellen eindringen können, und es gibt Studien, die darauf hindeuten, dass sie Zellschäden verursachen könnten“, erläutert Peeken.

EU-Kunststoffverbot

Der norwegische Sonderbeauftragte für die Ozeane, Vidar Helgesen, betonte, dass die EU ein wichtiger Verbündeter sei. „Die Kunststoff-Strategie der EU und ihr kreisförmiges Wirtschaftspaket sind sehr wichtig. Norwegen ist Teil des Binnenmarkts, und wir begrüßen gemeinsame europäische Ansätze. Das EU-Verbot für Einweg-Kunststoffe wird enorme Auswirkungen haben, da die EU ein so großer Markt ist“, erklärte er gegenüber EUobserver.

Der Umweltausschuss des Europäischen Parlaments hat Ende Januar die von der EU-Kommission vorgeschlagenen neuen EU-Vorschriften zur Kunststoffverschmutzung anerkannt, darunter ein vollständiges Verbot einiger Einweg-Kunststoffprodukte, die häufig an europäischen Stränden zu finden sind.

Was die Rettung der Arktis vor mehr Plastik betrifft, so war Vidar Helgesen, der früher als norwegischer Minister für EU-Angelegenheiten tätig war, nur verhalten optimistisch. „Ich bin mir nicht sicher, ob wir in zehn Jahren weniger Kunststoffe in den Ozeanen haben werden als heute, aber das Plastik-Fließen in die Ozeane wird geringfügiger sein“.

„Die Aufmerksamkeit, welche die Wähler und die höchste politische Ebene dem Thema zollen, ist ein gutes Zeichen, aber leider werden wir für einige Jahre immer mehr Kunststoff in den Ozeanen vorfinden, bevor die neuen Maßnahmen wirksam werden. Hinzukommt, dass es eine Reihe von Ländern gibt – insbesondere im asiatisch-pazifischen Raum –, in denen es von entscheidender Bedeutung ist, zügig Abfallmanagement-Systeme einzuführen, und das braucht Zeit“, fügt er hinzu.

In der Zwischenzeit wird mehr Öl verwendet

Wissenschaftler betonen, dass es erst wenige Studien über Kunststoffe in der Arktis gibt und dass sie viel mehr Fragen als Antworten haben.

Ein neues wissenschaftliches Forschungsprojekt in Tromsø wird sich insbesondere mit der Kunststoff-Verschmutzung befassen. Zudem verstärkt Norwegen seine diplomatischen Bemühungen, um die globale Flut von Kunststoffabfällen einzudämmen – eine Initiative, die eng mit den Plänen Norwegens verbunden ist, die Nutzung der Meeresressourcen zu erweitern – einschließlich Öl und Gas, Unterwassermineralien, Fischerei, Aquakultur, Schifffahrt und Tourismus.

„Wenn es uns gelingen sollte, die Arbeitsplätze der Zukunft zu schaffen und die globalen Herausforderungen zu bewältigen, bleibt uns nichts anderes übrig, als die enormen Potenziale des Ozeans freizusetzen“, schrieb die norwegische Premierministerin Erna Solberg in einem Beitrag in der High North News im Vorfeld der Konferenz Arctic Frontiers.

Insgesamt bestanden fünf Regierungsminister in Tromsø darauf, dass eine verstärkte Nutzung der Meere, einschließlich weiterer Ölbohrungen in den norwegischen Arktismeeren, nachhaltig erfolgen kann – ein Argument, das von Umweltschützern und einigen Wissenschaftlern heftig diskutiert wird.

Im Jahr 2018 rief Solberg ein weltweites hochrangiges Gremium für eine nachhaltige Meereswirtschaft ins Leben, dem (als einzigem Mitglied aus einem EU-Land) Portugals Premierminister Antonio Costa sowie führende Persönlichkeiten aus Australien, Chile, Fidschi, Japan und anderen Ländern angehören.

Das erklärte Ziel von Solberg ist dreifach: „produzieren, schützen und gedeihen“.

Freitag, 25. Januar 2019

Autor/en:

Martin Breum

Quelle/n:

EUobserver

Übersetzung von:

Julia Heinemann | VoxEurop
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